
Sven Carstensen (bulwiengesa) analysiert den aktuellen Immobilienmarkt, die Auswirkungen von KI auf Büros und gibt klare Appelle an die Politik.
Der deutsche Immobilienmarkt blickt auf eine außergewöhnliche Dekade zurück. Ab dem Jahr 2010 erlebte insbesondere der Gewerbemarkt eine langanhaltende Phase des Aufschwungs, die von einer kontinuierlichen und starken Nachfrage getrieben war. Ein robustes Wirtschaftswachstum bildete das Fundament für diesen Boom, von dem nicht nur Büroflächen, sondern auch der Logistik- und Industriesektor massiv profitierten.
Diese goldene Ära war geprägt von historisch niedrigen Zinsen und einem scheinbar unaufhaltsamen Zuwachs an Investitionen. Die Marktteilnehmer gewöhnten sich an ein Umfeld, in dem Leerstände sanken und die Renditen im Zuge steigender Objektwerte immer weiter komprimiert wurden. Doch diese Phase der Stabilität sollte nicht ewig anhalten, da globale Ereignisse den Markt bald vor völlig neue Herausforderungen stellten.
Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Jahr 2020 wurden lang etablierte Konzepte des Arbeitens und Wohnens schlagartig infrage gestellt. Unternehmen mussten im Eiltempo Homeoffice-Strukturen etablieren, was zu einer grundlegenden Überprüfung des tatsächlichen Büroflächenbedarfs führte. Es setzte ein Prozess der Effizienzsteigerung ein, bei dem starre Arbeitsplatzkonzepte zunehmend flexibleren Modellen weichen mussten.
Der eigentliche, tiefgreifende Wendepunkt für den Immobilieninvestmentmarkt vollzog sich im Jahr 2022. Bedingt durch den Ausbruch des Ukraine-Krieges und die rasant ansteigende Inflation sah sich die Europäische Zentralbank zu einer drastischen Zinswende gezwungen. Dieser abrupte Zinsanstieg, der von einem historischen Nullniveau ausging, traf die Branche mit voller Wucht und führte zu einer unmittelbaren Neubewertung aller Assetklassen.
Insbesondere die Renditen im Bürosegment erfuhren eine dramatische Anpassung, die sich direkt in sinkenden Immobilienwerten widerspiegelte. Der Markt musste sich innerhalb kürzester Zeit auf völlig veränderte Finanzierungskonditionen einstellen, was viele Transaktionen zum Erliegen brachte.
„Die Zinswende führte dazu, dass wir damals Bürorenditen weit unter 3 % hatten und mittlerweile bei 5 % sind.“ — Sven Carstensen
Auch der Wohnungsmarkt rutschte durch den rasanten Zinsanstieg in eine Schockstarre. Die Nachfrage nach eigengenutztem Wohnraum brach fast vollständig ein, da die Finanzierungskosten für private Käufer nicht mehr tragbar waren.
Nach einer kurzen Phase der scheinbaren Stabilisierung im Jahr 2024, in der sich erste Akteure wieder an den Markt wagten, sorgten neue geopolitische Konflikte für erneute Verwerfungen. Die jüngste Iran-Krise und die damit verbundenen globalen Spannungen haben die Hoffnung auf eine schnelle und nachhaltige Markterholung vorerst zunichte gemacht. Der Markt befindet sich erneut in einer abwartenden Haltung, da die Unsicherheit über die zukünftige Zinsentwicklung zurückgekehrt ist.
„Die Ruhe im Markt, von der man gehofft hat, dass sie jetzt eintritt, sie ist jetzt eigentlich schon wieder nicht da.“ — Sven Carstensen
Diese geopolitischen Spannungen treffen auf eine ohnehin geschwächte deutsche Wirtschaft, die im kommenden Jahr voraussichtlich kein echtes Wachstum verzeichnen wird. Die verbleibenden minimalen Wachstumseffekte sind statistischer Natur und resultieren lediglich aus einer geringeren Anzahl an Feiertagen im laufenden Kalenderjahr.
In einem von Unsicherheit geprägten Marktumfeld stellt sich die fundamentale Frage, wie verlässliche Prognosen überhaupt noch erstellt werden können. Klassische Vorhersagemodelle basieren auf langfristigen makroökonomischen und demografischen Daten, die jedoch durch unvorhersehbare exogene Ereignisse ausgehebelt werden können. Solche abrupten Sprünge und Krisen lassen sich nicht mathematisch kalkulieren, weshalb Analysten vermehrt mit flexiblen Szenarien arbeiten müssen.
Trotz dieser Einschränkungen lassen sich bestimmte langfristige Trends für den Wohnungsmarkt identifizieren, die unabhängig von kurzfristigen Marktstörungen Bestand haben:
Die fortschreitende Digitalisierung und insbesondere der Durchbruch der Künstlichen Intelligenz (KI) werfen fundamentale Fragen für die Zukunft der Büroimmobilie auf. Die Auswirkungen von KI betreffen dabei primär die sogenannten White-Collar-Jobs, also die klassischen Büroarbeitsplätze, deren Struktur und Anzahl sich in den kommenden Jahren massiv verändern dürften.
Obwohl viele repetitive Aufgaben in Zukunft durch KI-Systeme automatisiert werden können, entsteht gleichzeitig ein Bedarf an neuen, hochspezialisierten Berufsbildern. Zudem zeigt sich ein interessanter Gegentrend zum reinen Homeoffice: Viele innovative Unternehmen und Start-ups setzen wieder ganz bewusst auf eine physische Präsenz vor Ort, um die kreative Teamarbeit und den direkten Austausch zu fördern.
Der quantitative Rückgang des Büroflächenbedarfs führt zu einer qualitativen Verschiebung auf dem Markt, die unter dem Begriff "Flight to Quality" bekannt ist. Unternehmen reduzieren zwar ihre Gesamtflächen, investieren das eingesparte Budget jedoch in erstklassige, repräsentative und hervorragend angebundene Standorte.
„Wir werden weniger Büroflächen brauchen [...] dieses Thema 'Flight to Quality' ist halt etwas, was sich doch schon gut durchsetzt derzeit.“ — Sven Carstensen
Diese Entwicklung führt zu einer zunehmenden Polarisierung des Büromarktes. Während erstklassige Objekte in zentralen Innenstadtlagen und Bankenvierteln nach wie vor stark nachgefragt werden, geraten dezentrale Lagen und reine Backoffice-Standorte zunehmend unter Druck. Für diese B- und C-Lagen müssen Eigentümer langfristig neue Nutzungskonzepte entwickeln oder erhebliche Preisabschläge in Kauf nehmen.
Ein zentrales Hemmnis für eine Erholung des Wohnungsmarktes liegt in den aktuellen politischen Rahmenbedingungen. Insbesondere die in Berlin geführte Debatte über die Vergesellschaftung und Enteignung großer Wohnungsunternehmen sorgt für massive Verunsicherung unter privaten Investoren. Solche populistischen Ansätze greifen tief in das Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft ein und entziehen dem Markt dringend benötigtes Kapital für den Neubau.
„Das Thema der Vergesellschaftung [...] kratzt an dem Fundament des Immobilienmarktes oder überhaupt des Systems der gesamten sozialen Marktwirtschaft.“ — Sven Carstensen
Anstelle von emotionalisierten und sachfremden Diskussionen fordert die Branche einen konstruktiven und fachlichen Dialog mit allen politischen Akteuren. Nur durch eine gemeinsame Kraftanstrengung von Politik und Immobilienwirtschaft können die drängenden Herausforderungen des Wohnungsneubaus und des sozialen Zusammenhalts gelöst werden. Dazu gehört auch, den bürokratischen Dschungel zu lichten und Genehmigungsprozesse signifikant zu beschleunigen.
Die Renditen für Büroimmobilien stiegen infolge der Zinswende im Jahr 2022 von einem Niveau von deutlich unter 3 % auf mittlerweile rund 5 % an.
Exogene Schocks wie die Ukraine-Krise und jüngst die Iran-Krise erzeugen große Unsicherheit, lassen Zinsen schwanken und verzögern die erhoffte Erholung des Marktes.
KI verändert primär die White-Collar-Jobs quantitativ und qualitativ. Dadurch sinkt der Gesamtbedarf an Büroflächen, während gleichzeitig neue, hochmoderne Arbeitsplatzkonzepte entstehen.
Mieter konzentrieren sich zunehmend auf erstklassige, zentrale Lagen in Innenstädten, während dezentrale Backoffice-Lagen stark an Nachfrage verlieren.
Der Wohnungsmarkt zeigte sich in der Corona-Zeit äußerst resilient, war kaum von den Einschränkungen betroffen und verzeichnete weiterhin steigende Preise und Mieten.
Langfristige Prognosen basieren auf makroökonomischen und demografischen Trends, können jedoch unvorhersehbare, exogene Schocks wie Pandemien oder Kriege nicht einpreisen.
Für den gewerblichen Bereich fordert er primär den Abbau von bürokratischen Hürden, da private Investoren die Risiken selbst tragen müssen.
Sven Carstensen kritisiert die Enteignungsdebatte scharf als unsachlich und emotional, da sie das Fundament der sozialen Marktwirtschaft und des Immobilienmarktes gefährdet.
Ja, das Pendel schlägt spürbar zurück. Viele Unternehmen, selbst KI-Startups, setzen wieder verstärkt auf volle Büropräsenz, da Teamarbeit vor Ort entscheidend bleibt.
Eine Absenkung von überzogenen Baustandards und die stärkere Etablierung von modularem Bauen könnten dazu beitragen, die Baukosten trotz Krise zu senken.
Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.