
Goldbeck-Geschäftsführer Claus Albrecht über die Zukunft des seriellen Bauens, bürokratische Hürden und Lösungen für die Wohnungskrise.
Die deutsche Bauwirtschaft steht vor gigantischen Herausforderungen. Um den immensen Bedarf von jährlich 400.000 neuen Wohnungen zu decken, müssen traditionelle Pfade verlassen werden. Claus Albrecht, Geschäftsführer bei Goldbeck, sieht im seriellen Bauen den entscheidenden Schlüssel, um den schleppenden Wohnungsbau in Deutschland endlich zu beschleunigen.
Unternehmen wie Goldbeck sind seit fast 60 Jahren als Generalübernehmer am Markt vertreten und verfügen über ausgereifte Konzepte. Dennoch schöpft der deutsche Markt das Potenzial des seriellen Bauens bisher bei weitem nicht voll aus. Während in anderen Ländern standardisierte Häuser "von der Stange" längst Normalität sind, herrscht in Deutschland oft noch Skepsis gegenüber der industriellen Vorfertigung.
Ein weit verbreitetes Vorurteil lautet, dass schnelles Bauen zwangsläufig zu Lasten der Qualität geht. Claus Albrecht räumt im Gespräch mit Alexander Schmid entschieden mit diesem Mythos auf. Die industrielle Vorfertigung von Bauteilen im Werk unter kontrollierten Bedingungen sichert im Gegenteil ein konstant hohes Qualitätsniveau, das auf traditionellen Baustellen unter Witterungseinflüssen kaum zu erreichen ist.
Die Vorteile des seriellen Bauens zeigen sich in mehreren Dimensionen:
„Ein punkt ist sicherlich, dass die politischen Voraussetzung noch nicht gemacht wurden. Wir verknibbeln uns immer noch so ein bisschen in verschiedenen Länderbeordnung.“ — Claus Albrecht
Ein zentraler Hemmschuh für das serielle und elementierte Bauen in Deutschland ist der ausgeprägte Föderalismus im Baurecht. Die 16 verschiedenen Landesbauordnungen verhindern, dass standardisierte Bausysteme ihre vollen Skaleneffekte bundesweit entfalten können. Jeder Anbieter muss seine Systeme mühsam an die spezifischen, oft kleinteiligen Regeln der einzelnen Bundesländer anpassen.
Ein absurdes, aber sehr praxisnahes Beispiel verdeutlicht diese Problematik im Bereich der Geschosshöhen:
Aufgrund dieser fragmentierten Gesetzeslage ist es für Systemanbieter nahezu unmöglich, ein einziges, standardisiertes Wand- oder Deckenelement zu produzieren, das ohne Modifikationen in ganz Deutschland verbaut werden darf. Diese regulatorischen Hürden bremsen die industrielle Skalierung massiv aus.
Neben den baurechtlichen Hürden stellt auch die traditionelle Vergabepraxis im öffentlichen Sektor ein großes Hindernis dar. Der klassische deutsche Mittelstandsschutz sieht meist eine getrennte Vergabe nach Einzelgewerken vor. Claus Albrecht plädiert stattdessen leidenschaftlich für die sogenannte öffentliche Gesamtvergabe, bei der Planung und Ausführung in einer Hand liegen.
„Planen und bauen die seinen bild in einer Hand. so kann man Geschwindigkeit und Wirtschaftlichkeit letztenendes und hohe Qualität... eigentlich vereinen.“ — Claus Albrecht
Dieses Modell, auch bekannt als "Design-Build", bietet entscheidende Vorteile gegenüber der getrennten Vergabe:
Die Offenheit für moderne Vergabemodelle und das serielle Bauen ist in Deutschland regional sehr ungleich verteilt. Während einige Bundesländer bereits mutig vorangehen und die Vorteile der Gesamtvergabe nutzen, verharren andere in traditionellen, bürokratischen Mustern.
Durch die zögerliche Haltung dieser Bundesländer bleiben viele öffentliche Bauprojekte unnötig teuer und ziehen sich über Jahre hinweg, was angesichts des Sanierungsstaus bei Schulen und öffentlichen Gebäuden fatal ist.
Ein häufiges Bedenken von Architekten und Bauherren ist, dass serielles Bauen die gestalterische Freiheit einschränkt und zu einer monotonen Architektur führt. Claus Albrecht entgegnet dem, dass Goldbeck in flexiblen, aber standardisierten Systemrastern plant. Diese Rastermaße schränken die Kreativität nicht ein, sondern strukturieren sie sinnvoll.
Das System basiert auf etablierten Standards:
Das Problem liegt laut Albrecht eher darin, dass Architekten in der Individualplanung oft krumme Maße ohne funktionalen Mehrwert wählen. Ein standardisiertes Raster hingegen ermöglicht die perfekte Balance zwischen gestalterischer Individualität und industrieller Wirtschaftlichkeit.
Für Claus Albrecht, der zum ersten Mal am P5 Kongress teilnimmt, bietet die Veranstaltung eine hervorragende Bühne, um für die Akzeptanz des seriellen Bauens zu werben. Auch wenn das klassische Kundenklientel, das direkt Aufträge vergibt, dort weniger stark vertreten ist, sieht er den unschätzbaren Wert des Kongresses im Networking und der politischen Überzeugungsarbeit.
Das Knüpfen neuer Kontakte und der Austausch mit Branchenkollegen, Entwicklern und politischen Akteuren sind essenziell, um die Vorbehalte gegenüber der Vorfertigung abzubauen. Das Ziel ist es, ein starkes Netzwerk zu spinnen, das die Transformation der Bauwirtschaft aktiv vorantreibt. Albrecht kündigt bereits an, auch im nächsten Jahr wieder als aktiver Gestalter dabei sein zu wollen.
Um die Krise am Wohnungsmarkt nachhaltig zu lösen, muss die Politik dringend handeln. Claus Albrecht formuliert klare und unmissverständliche Forderungen an die politischen Entscheidungsträger in Deutschland.
Die wichtigsten politischen Hebel für eine erfolgreiche Bauwende sind:
„Offener sein für innovative Lösung, also klassische Rahmenbedingungen schaffen, die bundesweit gültig sind, dass wir uns nicht in jeder Zeile im Baugesetzbuch verstricken.“ — Claus Albrecht
Nur wenn diese Rahmenbedingungen geschaffen werden, kann die Bauwirtschaft die benötigten Kapazitäten effizient und kostengünstig bereitstellen, um den Wohnungsnotstand in Deutschland erfolgreich zu bekämpfen.
Nein, serielles Bauen verbindet hohe Vorfertigungsqualität im Werk mit schneller Montage vor Ort und ist nicht mit mangelhafter Qualität gleichzusetzen.
Hauptsächlich die unterschiedlichen Landesbauordnungen der Bundesländer, wie beispielsweise abweichende Vorgaben für lichte Geschosshöhen in Berlin und Baden-Württemberg.
Wenn Berlin 2,50 m, Baden-Württemberg 2,30 m und andere Länder 2,40 m vorschreiben, können Systemanbieter keine standardisierten, bundesweit einheitlichen Bauteile produzieren.
Sie vereint Planung und Bau ("Design-Build") in einer Hand, was die Schnittstellen reduziert, die Bauzeit verkürzt und die Wirtschaftlichkeit erhöht.
Nordrhein-Westfalen nutzt bereits erfolgreich die Gesamtvergabe für Schulen und Sporthallen, während Länder wie Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz hier noch zurückhaltend sind.
Goldbeck baut in marktüblichen Rastermaßen wie 1,20 m und 1,35 m, die mit der allgemeinen Bauwirtschaft kompatibel sind.
Sie sollte als schlanker Projektentwickler oder Finanzier für günstige Kommunalkredite agieren, statt eine weitere bürokratische Kontroll- und Genehmigungsinstanz zu bilden.
Einheitliche, bundesweit gültige Rahmenbedingungen im Baugesetzbuch, schnellere Baugenehmigungen und einen spürbaren Bürokratieabbau zur Bewältigung der Wohnraumkrise.
Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.