
Wie löst das serielle Bauen die Krise? Sun Jensch spricht über Bürokratieabbau, Holzhybrid-Projekte und den Einsatz von KI in der Baubranche.
Frisch von der Mainstage des P5 Kongresses berichtet Sun Jensch über die drängendsten Fragen der Baubranche. Im Zentrum der Diskussion stand die Frage, wie die aktuelle Krise im Wohnungsbau überwunden werden kann. Ein zentraler Begriff hierbei ist der sogenannte "Bauturbo" – eine Reihe von Maßnahmen, die das Bauen in Deutschland wieder schneller, effizienter und wirtschaftlich rentabler machen sollen. Angesichts der stagnierenden Genehmigungszahlen und steigenden Kosten suchen Akteure händringend nach Lösungen.
Dabei wurde auf dem Kongress intensiv hinterfragt, ob überhaupt noch ausreichend gebaut wird und welche Hebel jetzt in Bewegung gesetzt werden müssen. Die wirtschaftliche Lage der Branche erfordert radikale Veränderungen im Denken und Handeln aller Beteiligten. Serielles und modulares Bauen rücken dabei als potenzielle Retter in der Not immer stärker in den Fokus der Debatte.
Um das Bauen wieder attraktiver und machbarer zu gestalten, führt kein Weg an einer konsequenten Entbürokratisierung vorbei. Sun Jensch verweist hierbei auf positive Entwicklungen auf politischer Ebene, wie beispielsweise den neuen Koalitionsvertrag in Baden-Württemberg. Dort wird versucht, bürokratische Hürden mit Mut und Entschlossenheit abzubauen, um den Wohnungsbau spürbar zu entlasten.
Ein entscheidender Ansatzpunkt ist die Umkehrung von Beweislasten und Dokumentationspflichten. Statt langwieriger Nachweise und ausufernder Berichte sollte der Fokus wieder auf der eigentlichen Umsetzung liegen. Die Vereinfachung dieser administrativen Prozesse könnte wie ein Katalysator für neue Bauvorhaben wirken und die extrem langen Vorlaufzeiten drastisch verkürzen.
Obwohl das serielle und modulare Bauen oft als der entscheidende Gamechanger für den Wohnungsbau bezeichnet wird, spiegelt sich dies noch nicht ausreichend im Markt wider. Sun Jensch kritisiert, dass der Markt diese innovative Bauweise noch viel zu zögerlich abruft. Dabei liegen die Vorteile auf der Hand, insbesondere wenn man den Blick auf internationale Märkte wie die USA oder die Türkei wirft, wo standardisierte Großprojekte längst zum Alltag gehören.
Die Vorfertigung bietet zahlreiche ungenutzte Chancen, die sich in verschiedenen Bereichen der Bauwirtschaft effizient einsetzen lassen:
Die Frage, warum sich das serielle Bauen trotz aller offensichtlichen Vorteile in Deutschland noch nicht flächendeckend bei 50 oder 80 Prozent durchgesetzt hat, führt direkt zu den planungs- und genehmigungsrechtlichen Hürden. Das serielle Bauen bricht radikal mit den traditionellen Abläufen, die sich seit der Nachkriegszeit in den Köpfen und Behörden festgesetzt haben.
„Beim seriellen modularen Bauen ist die das System, die Struktur ja eine völlig andere. Wir fangen ja viel früher in der Planung an.“ — Sun Jensch
Diese veränderte Struktur erfordert ein Umdenken auf allen Ebenen. Während beim klassischen Bauen viele Details erst während der Bauphase gelöst werden, muss beim modularen Bauen die gesamte Vorfertigung bereits in der frühen Planungsphase finalisiert sein. Hinzu kommt die Trägheit der Genehmigungsbehörden. Die Genehmigungswege für serielle Bauteile sind kompliziert, da für neue Bauprodukte und Bauarten oft gesonderte, langwierige Zulassungsverfahren notwendig sind.
Damit sich das modulare Bauen durchsetzt, braucht es laut Sun Jensch dringend mehr architektonisch anspruchsvolle Projekte mit echter Strahlkraft. Oft wird der Modulbau fälschlicherweise mit monotoner Baukultur und billiger Ästhetik gleichgesetzt. Dass dies ein Vorurteil ist, beweisen moderne Vorzeigeprojekte, die Ästhetik, Nachhaltigkeit und serielle Effizienz perfekt miteinander verbinden.
Ein herausragendes Beispiel befindet sich nur einen Kilometer vom Veranstaltungsort des Kongresses entfernt. Es handelt sich um ein wegweisendes Holzhybrid-Gebäude, das von Eike Becker und Primus Developments realisiert wurde. Dieses Projekt gilt als eines der nachhaltigsten Bürogebäude in ganz Deutschland und demonstriert eindrucksvoll, wie moderner Holzhybrid-Modulbau die CO2-Bilanz von Immobilien revolutionieren kann, ohne Abstriche bei der Architektur zu machen.
Der P5 Kongress selbst hebt sich wohltuend von klassischen, oft sehr konservativen Branchenveranstaltungen ab. Die Wahl der Location in einem Stadion unterstreicht den Anspruch der Macher, etablierte Denkmuster aufzubrechen und ein völlig neues Mindset in die Immobilienwirtschaft zu tragen.
Dieser disruptive Ansatz ist dringend notwendig, um die starren Strukturen der Bau- und Immobilienwelt aufzurütteln. Die lockere und gleichzeitig hochkarätig besetzte Atmosphäre fördert den offenen Austausch über Innovationen, anstatt sich in den immer gleichen Problembeschreibungen zu verlieren. Es geht darum, Dinge einfach mal anders angehen und mutig neue Wege auszuprobieren.
Auf die Frage nach einem sofort umsetzbaren Ratschlag für die Akteure der Branche plädiert Sun Jensch leidenschaftlich für die aktive Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz. Während viele Unternehmen noch zögern oder auf perfekte Rahmenbedingungen warten, bietet die KI schon heute die Möglichkeit, interne Prozesse massiv zu professionalisieren.
„Na ja, sich mit KI zu beschäftigen, dadurch professioneller zu werden... das kann ich heute beginnen, heute mich damit zu beschäftigen.“ — Sun Jensch
Die Digitalisierung und der gezielte Einsatz von KI-Tools helfen Bau- und Planungsunternehmen dabei, effizienter zu arbeiten und dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Auch wenn niemand genau vorhersagen kann, wo die Technologie in fünf Jahren stehen wird, ist das tägliche Lernen und Experimentieren der Schlüssel, um im zukünftigen Wettbewerb nicht den Anschluss zu verlieren. Der Einstieg in diese Technologie erfordert kein Budget, sondern lediglich die Bereitschaft, heute damit anzufangen.
Im Mittelpunkt stehen das serielle und modulare Bauen, der notwendige Bürokratieabbau zur Bewältigung der Baukrise sowie innovative Impulse des P5 Kongresses.
Der Bauturbo bezeichnet politische und praktische Hebel, wie etwa den radikalen Abbau von Bürokratie und Nachweispflichten, um Bauvorhaben in Deutschland deutlich schneller und wirtschaftlicher zu realisieren.
Durch vereinfachte Dokumentationsanforderungen und schnellere Zulassungsverfahren für vorgefertigte Bauteile können Projekte wesentlich zügiger genehmigt und umgesetzt werden.
Traditionelle Planungsstrukturen, die Gewöhnung der Behörden an Nachkriegs-Bauweisen und komplizierte Einzelzulassungen für Bauteile bremsen den flächendeckenden Erfolg aus.
Beim modularen Bauen muss die Detailplanung und die Integration der Vorfertigung viel früher im Prozess abgeschlossen sein als beim klassischen Bauen vor Ort.
Ein innovatives Holzhybrid-Bürogebäude von Eike Becker und Primus Developments, welches sich in direkter Nähe zum Kongress befindet und als eines der nachhaltigsten Gebäude Deutschlands gilt.
Sie beschreibt ihn als erfrischend anders und disruptiv. Die außergewöhnliche Location in einem Stadion helfe dabei, das konservative Mindset der Branche aufzubrechen.
Sich ab heute intensiv mit künstlicher Intelligenz (KI) auseinanderzusetzen, um Unternehmensprozesse effizienter und professioneller zu gestalten.
Ja, moderne Projekte beweisen, dass hohe Baukultur, ansprechende Architektur und serielle Fertigung hervorragend miteinander harmonieren können.
Einige Experten glauben, dass das modulare Bauen in den nächsten zehn Jahren einen Marktanteil von 50 bis 80 Prozent erreichen kann, wenngleich Sun Jensch dies als ambitioniert ansieht.
Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.