
Dr. Peter Burnickl analysiert die aktuelle Baukrise: Warum sinkende Handwerkerpreise und Notverkäufe jetzt immense Chancen für Investoren bieten.
Die deutsche Bau- und Immobilienwirtschaft befindet sich in einer tiefgreifenden Krise, die sich grundlegend von früheren Marktbereinigungen unterscheidet. Dr. Peter Burnickl vergleicht die heutige Situation mit der Lehman-Bankenkrise der Jahre 2008 bis 2010. Damals handelte es sich im Bausektor lediglich um eine kurze, temporäre Delle. Die heutige Krise hingegen hat eine völlig andere Qualität und führt zu einer Welle von Insolvenzen quer durch die gesamte Branche.
Die Ursachen liegen in einem perfekten Sturm aus explodierenden Finanzierungskosten, gestiegenen Material- und Erzeugerpreisen sowie einer extremen Verunsicherung des Marktes. Zwar lässt die Auslastung der Handwerker allmählich nach, was punktuell zu günstigeren Angeboten führt. Doch die Basis der Baukosten – die Herstellungs- und Energiekosten der Industrie – bleibt weiterhin auf einem historisch hohen Niveau.
„Was wir momentan erleben, ist ein ganz anderes Kaliber, eine meiner Meinung nach noch nie dagewesene Baukrise.“ — Peter Burnickl
Das Bauwesen ist durch extrem lange Projektlaufzeiten geprägt, die oft über mehrere Jahre hinweg andauern. Vom ersten Ankauf eines Grundstücks über die Schaffung von Baurecht und die detaillierte Planung vergeht viel Zeit, bevor der erste Bagger rollt. Dieser zeitverzögerte Ablauf führt zu einem typischen Schweinezyklus, bei dem die verschiedenen Akteure der Wertschöpfungskette die Krise zeitversetzt spüren.
Architekten und Ingenieure waren die Ersten, die den Einbruch der Nachfrage bereits vor Monaten massiv zu spüren bekamen. Erst viel später erreicht diese Entwicklung das ausführende Handwerk, insbesondere den Rohbau und schließlich den Ausbau. Heute beobachten wir eine drastische Trendwende: Handwerker, die noch vor wenigen Jahren kaum Angebote abgaben, rufen heute aktiv bei Planern an, um auf Bieterlisten gesetzt zu werden.
Die typischen Phasen des Schweinezyklus am Bau:
Ein wesentlicher Katalysator der aktuellen Krise ist der abrupte Wechsel von der Nullzinspolitik hin zu drastisch gestiegenen Zinsen. Noch vor drei Jahren konnten Investoren Projekte mit 100-Prozent-Finanzierungen zu Zinssätzen unter einem Prozent realisieren. Der Verkauf von projektierten Wohnungen und Gewerbeflächen lief reibungslos, da ein absoluter Verkäufermarkt herrschte und die Nachfrage das Angebot bei Weitem überstieg.
Zusätzlich zur Zinswende haben unvorhersehbare politische Entscheidungen das Vertrauen der Marktteilnehmer nachhaltig erschüttert. Plötzliche Stopps von KfW-Förderprogrammen über das Wochenende sowie das chaotische Hin und Her um das Gebäudeenergiegesetz (GEG) erzeugten extreme Unsicherheit. Ein prägnantes Beispiel für die Marktverzerrung ist der Hype um Wärmepumpen, deren Preise im Zuge der politischen Debatten zeitweise um 200 bis 300 Prozent explodierten.
Die politischen Hauptfaktoren für den Vertrauensverlust:
Trotz des düsteren Gesamtbildes bietet die Krise für liquide Investoren und Akteure mit hohem Eigenkapitalanteil herausragende Gelegenheiten. Viele Projektentwickler, die ihre Grundstücke am Peak des Marktes teuer eingekauft und variabel über Euribor-Kredite finanziert haben, stehen heute unter enormem Druck. Die gestiegenen Zinsen fressen die Liquidität auf, während die Banken gleichzeitig deutliche Wertkorrekturen an den Beständen vornehmen.
Dies zwingt viele Marktteilnehmer zu Notverkäufen weit unter dem eigentlichen Wert. Auch die Zahl der Zwangsversteigerungen und Insolvenzverfahren nimmt spürbar zu. Wer jetzt über Cash verfügt, kann am Markt sogenannte Lucky Deals abschließen, die abseits des offiziellen Marktes verhandelt werden.
„In jeder Krise steckt auch eine riesen Chance. Wenn jemand Geld hat, würde ich momentan raten, shoppen zu gehen.“ — Peter Burnickl
Eine der am häufigsten gestellten Fragen an Dr. Peter Burnickl lautet derzeit: „Soll ich jetzt bauen oder noch abwarten?“ Die Antwort erfordert strategisches Fingerspitzengefühl. Wer ein Bauprojekt plant, sollte die aktuelle Ruhephase nutzen, um die Planungen bis zur Genehmigung und Ausschreibungsreife vollständig fertigzustellen.
Der Grund hierfür liegt in der Gefahr eines plötzlichen Markt-Turnarounds. Wenn die Zinsen weiter sinken und das Vertrauen zurückkehrt, werden unzählige Bauherren, die derzeit abwarten, gleichzeitig ihre Ausschreibungen platzieren. Dies würde von heute auf morgen zu einem akuten Kapazitätsengpass und erneut explodierenden Preisen führen. Wer seine Hausaufgaben bereits gemacht hat, kann flexibel am Tag X starten und sich die besten Konditionen sichern.
Die deutsche Bauindustrie leidet unter einer extremen Überregulierung durch eine Flut an DIN-Normen und Richtlinien. Viele dieser Vorgaben sind jedoch keine Gesetze, sondern lediglich private Regelwerke. Dr. Peter Burnickl plädiert leidenschaftlich dafür, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und im Wohnungsbau wieder vermehrt auf „Low-Tech“-Lösungen zu setzen, statt Gebäude mit überflüssiger, wartungsintensiver Technik vollzustopfen.
Eine große Chance bietet hierbei die Initiative der Architektenkammern zum sogenannten Gebäudetyp E (Einfaches Bauen). Dieser ermöglicht es Bauherren und Planern, rechtssicher von teuren Komfortstandards und Vornormen abzuweichen, sofern die Standsicherheit und der Brandschutz gewährleistet bleiben. Durch kluge Vereinbarungen im Vertrag lassen sich die Baukosten signifikant senken, ohne dass die tatsächliche Bauqualität darunter leidet.
„Die Basis der Preise sind immer die Hersteller, die Produktionskosten, die Energiekosten. Da rechne ich nicht mit großen Korrekturen.“ — Peter Burnickl
Vorteile des einfachen Bauens und Reduzierens von Normen:
Die Zukunft des Bauens liegt nicht im Festhalten an alten, starren Mustern, sondern im Aufbrechen verkrusteter Strukturen. Neben dem einfachen Bauen gewinnen serielle Sanierung und der Modulbau massiv an Bedeutung. Die Notwendigkeit der Nachverdichtung in Städten, um Flächenversiegelungen zu vermeiden, macht diese standardisierten und schnellen Bauweisen zu echten Zukunftstrends.
Um in diesen herausfordernden Zeiten erfolgreich zu sein, bedarf es vor allem Mut, schneller Entscheidungen und einer echten, kollaborativen Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen Bauherren, Architekten, Ingenieuren und Handwerkern. Nur wer die Partnerschaft sucht, anstatt sich hinter bürokratischen Hürden zu verstecken, wird am Ende Projekte realisieren, die sowohl wirtschaftlich erfolgreich als auch nachhaltig sind.
Die Lehman-Krise war eine kurze Delle. Heute treffen drastisch gestiegene Zinsen, politische Planungsunsicherheit durch veränderte Förderprogramme und dauerhaft hohe Material- sowie Energiekosten aufeinander.
Dr. Peter Burnickl rät, Planungen jetzt fertigzustellen, um bei einer Marktbelebung sofort ausschreibungsbereit zu sein. Wer jetzt wartet und mit allen anderen gleichzeitig startet, läuft Gefahr, keine Handwerkerkapazitäten zu bekommen.
Ja, die Preise für Handwerksleistungen sinken tendenziell, da die Auslastung der Betriebe abnimmt und Firmen aktiver nach Aufträgen suchen. Die Material- und Herstellungskosten bleiben wegen hoher Energiekosten jedoch auf hohem Niveau stabil.
Große Chancen bieten sich aktuell bei Notverkäufen, Zwangsversteigerungen und Off-Market-Deals. Projektentwickler unter Liquiditätsdruck müssen oft hochwertige Grundstücke oder Bestände mit deutlichen Abschlägen veräußern.
Der Begriff beschreibt die zeitversetzte Reaktion von Angebot und Nachfrage im Bauwesen. Da Planungs- und Genehmigungsprozesse Jahre dauern, spüren Architekten Krisen zuerst, während der Roh- und Ausbau erst viel später betroffen ist.
Nach einer Phase der Nullzinspolitik (Zinsen unter 1 %) sind die Zinsen rasant gestiegen. Dadurch ist der Käufermarkt eingebrochen, da die Finanzierungskosten für viele Investoren und Eigennutzer nicht mehr tragbar sind.
Plötzliche Förderstopps (z.B. bei der KfW über das Wochenende) und das unklare Hin und Her beim Gebäudeenergiegesetz (GEG) haben zu massiver Planungsunsicherheit und Vertrauensverlust bei Bauherren geführt.
Diese Methoden ermöglichen eine schnellere, standardisierte und kostengünstigere Abwicklung von Bau- und Sanierungsmaßnahmen, was besonders bei der geforderten Nachverdichtung im urbanen Raum hilft.
Nein, Normen und Richtlinien sind nicht automatisch Gesetze. Bauherren können Abweichungen von bestimmten Komfort- oder Vornormen rechtssicher vereinbaren, um Baukosten ohne Qualitätsverlust zu senken.
Der Gebäudetyp E (Einfaches Bauen) ist eine Initiative, die darauf abzielt, durch Reduzierung von Komfortstandards und den Verzicht auf überflüssige Normen das Bauen wieder bezahlbarer und unkomplizierter zu machen.
Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.