
Lars Kraus erklärt im Interview, wie nachhaltiges Bauen durch Low-Tech und Lebenszyklusanalysen wirtschaftlich und zukunftssicher wird.
Lars Kraus ist kein typischer Ingenieur. Als gelernter Kaufmann fand er über Umwege in den Bereichen Radsport, Textilien, Kosmetik und Marketing im Jahr 2019 seinen Weg in die Baubranche. Gemeinsam mit seinem Team gründete er das Ingenieurbüro Greengineers, um das Thema Nachhaltigkeit im Bauwesen grundlegend und vor allem wirtschaftlich neu zu denken.
Sein kaufmännischer Hintergrund erweist sich in einer von Technikern dominierten Branche als echter Wettbewerbsvorteil. Kraus stellt Fragen, die rein technisch fokussierte Planer oft übersehen: Wie rentieren sich die Maßnahmen? Passt die Nachhaltigkeit zum Budget des Bauherrn? Nur wenn Ökologie und Ökonomie Hand in Hand gehen, lassen sich zukunftsfähige Projekte realisieren.
Die Baubranche steht vor gigantischen Herausforderungen, da sie für rund 40 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich ist. Viele Akteure reagieren darauf mit blindem Aktionismus oder reinem Marketing, was häufig in teurem Greenwashing mündet. Bauherren stehen dann vor einem Flickenteppich aus Einzelmaßnahmen – vom Holzbau über Solaranlagen bis zur Fassadenbegrünung –, ohne zu wissen, was diese in Summe bringen.
Hier setzt die Philosophie von Greengineers an: Nachhaltigkeit muss von Beginn an ganzheitlich in die Konzeptionsphase integriert werden, um bezahlbar und zukunftssicher zu bleiben.
„Wenn unsere Nachhaltigkeitsthemen kosten-technisch ins Konzept, in die Rahmenbedingungen vom Bauherren passen, dann macht es Sinn, dann funktioniert es.“ — Lars Kraus
In den letzten Jahren hat die Komplexität der technischen Gebäudeausrüstung (TGA) massiv zugenommen. Die Kostengruppe 400 verzeichnete eine regelrechte Explosion der Herstellkosten. Viele Gebäude sind heute mit hochentwickelter, fehleranfälliger Technik überfrachtet, die im späteren Betrieb kaum noch effizient gesteuert werden kann.
Der Gegenentwurf lautet Low-Tech. Das bedeutet jedoch keineswegs, komplett auf Technologie zu verzichten. Vielmehr geht es darum, Technik bewusst zu reduzieren und durch kluge, passive Konzepte zu ersetzen. Dadurch sinken nicht nur die Investitionskosten beim Bau, sondern auch die Betriebs- und Wartungskosten über den gesamten Lebenszyklus des Gebäudes.
„Low-Tech heißt ja nicht No-Tech. Und am Ende ist es ja auch nachhaltig, wenn du sinnfreie Komponenten erst gar nicht verbaust.“ — Peter Burnickl
Wie ein moderner Low-Tech-Ansatz in der Praxis aussehen kann, zeigt ein Wettbewerbsprojekt für das Hauptgebäude der RWTH Aachen, bei dem Greengineers den zweiten Platz belegte. Das Team konzentrierte sich bei der TGA-Konzeptionierung konsequent auf ein intelligentes Kühlungskonzept für den Sommer, während das Heizkonzept bewusst schlank gehalten wurde.
Durch die Nutzung vorhandener Wärmeerträge im Winter und eine optimierte thermische Simulation konnte ein hocheffizientes, aber technisch einfaches Konzept realisiert werden. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass innovative Ingenieurbüros heute vermehrt auf Best-Practice-Modelle setzen, um den Markt für nachhaltiges Bauen zu revolutionieren. Das Teilen von Fehlern und Erfolgen ist dabei essenziell, um die gesamte Branche voranzubringen.
Für Projektentwickler und Bauträger ist die Zertifizierung eines Gebäudes oft der Schlüssel zu attraktiven staatlichen Förderungen und einer besseren Vermarktung. Doch der Zertifizierungsdschungel ist dicht. Neben der bekannten DGNB-Zertifizierung etabliert sich zunehmend das BNK-Zertifikat als kostengünstige und effiziente Alternative für Wohngebäude.
Wer ein Gebäude zertifizieren lassen möchte, sollte niemals blind in den Prozess starten. Ein strukturierter Pre-Check in der frühen Planungsphase ist ein unverzichtbares Werkzeug, um böse Überraschungen bei den Baukosten und den späteren Zertifizierungsstufen zu vermeiden.
In diesem Pre-Check ermitteln Auditoren genau, welche Mindestkriterien zwingend erfüllt werden müssen und an welchen Stellschrauben mit minimalem finanziellem Aufwand die maximale Punkteanzahl erzielt werden kann. So lässt sich beispielsweise ein DGNB-Silber-Standard oft komplett ohne zusätzliche Baukosten erreichen, wenn das Gebäude von Anfang an solide und zukunftssicher geplant wurde. Ein kleiner Puffer schützt zudem vor dem Verlust des Zertifikatsstatus während der Bauphase.
Die Frage, ob eine Sanierung im Bestand ökologischer ist als ein Abriss mit anschließendem Neubau, lässt sich nicht pauschal beantworten. Eine fundierte Gebäudeökobilanzierung (LCA) betrachtet den gesamten Lebenszyklus inklusive der jahrzehntelangen Nutzungsphase.
Greengineers hat hierfür ein eigenes digitales Tool entwickelt, das verschiedene Varianten neutral und datenbasiert gegenüberstellt. In manchen Fällen zeigt die Lebenszyklusanalyse, dass ein hochmoderner, extrem energieeffizienter Neubau über einen Zeitraum von 50 Jahren hinweg einen geringeren CO2-Fußabdruck hinterlässt als die energetische Sanierung eines hochgradig ineffizienten Altbestands. Diese Transparenz schützt Bauherren vor Fehlentscheidungen und liefert verlässliche Argumente gegenüber Behörden und Investoren.
„Wir dürfen uns nicht in Utopie baden oder sagen, wir sind die Weltverbesserer, wenn wir gar nicht mehr bauen.“ — Lars Kraus
Die Regulatorien in Europa verschärfen sich zusehends. Während Länder wie Dänemark die Lebenszyklusanalyse bereits zur Pflicht gemacht haben, hinkt Deutschland hinterher – doch der Wandel ist unaufhaltsam. Wer heute noch baut wie vor zehn Jahren, riskiert, ein sogenanntes Stranded Asset zu erschaffen – eine Immobilie, die in wenigen Jahren aufgrund mangelnder Nachhaltigkeit unverkäuflich und unvermietbar wird.
Der Weg zu einer zukunftssicheren Immobilie führt über den Mut zu neuen Planungsansätzen, die Bereitschaft, von Best-Practice-Beispielen zu lernen, und die ehrliche, partnerschaftliche Zusammenarbeit von Kostenplanern und Nachhaltigkeitsexperten. Nur so lässt sich die dringend benötigte Rendite mit echtem ökologischem Mehrwert vereinen.
Die Baubranche verursacht etwa 38 bis 40 Prozent der CO2-äquivalenten Umwelteinflüsse. Damit bietet sie den größten Hebel, um durch optimierte Planung und Ressourceneinsparung signifikante CO2-Minderungen zu erzielen.
DGNB ist ein etabliertes, sehr umfassendes Zertifizierungssystem mit aufwendiger Nachweisführung, das oft höhere Kosten verursacht. Das BNK-Zertifikat ist speziell für Wohngebäude konzipiert, in der Abwicklung oft deutlich günstiger und sichert dennoch dieselben Förderungen.
Ein Low-Tech-Gebäude setzt auf Einfachheit und Reduktion unnötiger technischer Komponenten in der TGA. Durch clevere passive Konzepte werden sowohl die Investitionskosten als auch das Risiko von Betriebsfehlern minimiert.
Der Pre-Check prüft vorab, welche Nachhaltigkeitskriterien mit welchem Aufwand erreicht werden können. Er verhindert, dass ein Bauherr hohe Auditorenkosten zahlt, ohne am Ende die gewünschte Zertifizierungsstufe tatsächlich zu erreichen.
Greenwashing wird vermieden, indem man Nachhaltigkeit ganzheitlich und datenbasiert betrachtet, anstatt nur einzelne, isolierte Maßnahmen wie eine Photovoltaikanlage oder eine Holzfassade ohne Gesamtkonzept aneinanderzureihen.
Die Lebenszyklusanalyse (LCA) bilanziert alle Umweltwirkungen eines Gebäudes von der Rohstoffgewinnung über den Bau und die jahrzehntelange Nutzung bis hin zum Rückbau und Recycling.
Nicht zwingend. Wenn die Nutzungsphase eines sanierten Altbestands aufgrund schlechterer energetischer Werte wesentlich mehr Energie verbraucht, kann eine Lebenszyklusanalyse zeigen, dass ein hocheffizienter Neubau über die Jahre hinweg eine bessere CO2-Bilanz aufweist.
Einige innovative Büros wie Greengineers rechnen nicht nach der HOAI (prozentual an den Baukosten), sondern über feste Pauschalen ab. Dies schafft Kostensicherheit für den Bauherrn und entkoppelt das Honorar von steigenden Herstellkosten.
Der Low-Tech-Ansatz setzt voraus, dass Gebäude so konzipiert sind, dass sie robust gegenüber unterschiedlichem Nutzerverhalten sind. Weniger komplexe Technik bedeutet weniger Fehlbedienungen und eine einfachere Instandhaltung im Alltag.
Während Länder wie Dänemark die LCA bereits verpflichtend vorschreiben, wird in Deutschland mit einer gesetzlichen Pflicht voraussichtlich erst im Jahr 2028 gerechnet.
Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.