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    immo-inside · 23. Okt 2024

    Projektsteuerung im Großprojekt: Baukosten aktiv senken

    23. Okt 2024 35:30 6 Min. Lesezeit
    #008 - Benjamin Buhlmann: Das optimale Bauvorhaben aus Sicht eines Profi-Projektsteurers

    Kapitel

    Das Wichtigste in Kürze

    • Eine frühzeitige Einbindung von Generalunternehmern bereits in der Leistungsphase 2 ermöglicht signifikante Kosteneinsparungen durch eine optimierte Pre-Construction-Phase.
    • Die klassische HOAI schafft falsche Anreize, da sinkende anrechenbare Kosten das Honorar der Planer mindern; hier sind neue partnerschaftliche Vergütungsmodelle gefragt.
    • Um Bundesförderungen wie KfW 40 NH nicht zu gefährden, müssen die strengen QNG-Kriterien zur CO2-Bilanzierung bereits in einer sehr frühen Planungsphase konsequent optimiert werden.
    • Ein präzises, unmissverständliches Lastenheft in der Leistungsphase 0 verhindert zeitintensive Rückfragen und Fehlplanungen im weiteren Projektverlauf.
    • Der herrschende Fachkräftemangel erfordert eine intensivere baubegleitende Qualitätssicherung und die Erstellung von Musterflächen direkt auf der Baustelle.

    Wie Projektsteuerung Kosten spart: Benjamin Buhlmann (RHO) erklärt Pre-Construction, HOAI-Anreize & Qualitätssicherung bei Großprojekten.

    Großprojekte steuern: Expertise im Baumanagement

    Ein erfolgreiches Bauprojekt steht und fällt mit der Erfahrung der handelnden Akteure. Dr. Peter Burnickl begrüßt in dieser Episode Benjamin Buhlmann, den Geschäftsführer der RHO Projekt- und Baumanagement, der auf über 25 Jahre Expertise im Großprojektgeschäft zurückblickt. Seine beruflichen Anfänge im konstruktiven Ingenieurbau führten ihn unter anderem in den Kernkraftwerksbau nach Kyoto. Seit 2019 leitet er gemeinsam mit Timo Knoche das interdisziplinäre Team von RHO, das mit über 20 Spezialisten wie Architekten, Ingenieuren und TGA-Fachplanern besetzt ist.

    Das Unternehmen teilt sich strategisch in zwei wesentliche Geschäftsbereiche auf, um Kunden von der ersten Idee bis zur finalen Übergabe umfassend zu begleiten:

    • RHO Consulting: Dieser Bereich fokussiert sich primär auf das klassische Projektmanagement und die Steuerung von der ersten Projektidee bis zum Projektabschluss (Leistungsphasen 1 bis 5 und 9).
    • RHO Baumanagement: Hier liegt der Schwerpunkt auf den klassischen Leistungsphasen 6 bis 8 sowie der baubegleitenden Qualitätssicherung in den Kostengruppen 300 und 400.

    Pre-Construction in der Praxis: Millionenpotenziale heben

    Besonders bei komplexen Bauvorhaben wie Flughäfen oder großen Wohnungsquartieren ist eine präzise Kostensteuerung unerlässlich. Buhlmann berichtet von einem aktuellen Großprojekt in Nordrhein-Westfalen mit rund 82.000 Quadratmetern Bruttogrundfläche (BGF), aufgeteilt auf sechs Gebäudeblöcke. Um den typischen, massiven Kostensteigerungen beim Übergang von der Kostenschätzung zur Kostenberechnung entgegenzuwirken, setzt RHO bereits in Leistungsphase 2 auf eine außergewöhnliche Planungstiefe.

    In Kooperation mit dem Bauherrn wurde eine vorgezogene Optimierungsphase unter Einbindung eines Generalunternehmers (GU) etabliert. Dieser analysierte direkt ab dem sogenannten Design-Freeze parallel die Planungen und gab fortlaufend eine fundierte Kostenindikation ab.

    • Kostenoptimierung: Durch diese enge Abstimmung und das gezielte Hinterfragen von Planungsdetails konnten enorme Summen eingespart werden.
    • Einsparpotenzial: Pro Baufeld wurden Kostenreduktionen von bis zu 10 Millionen Euro über alle Kostengruppen hinweg realisiert.
    • Partnerschaftlichkeit: Das Verfahren schweißt die Projektbeteiligten eng zusammen und schafft ein stabiles Fundament für die anstehende Realisierungsphase.

    „Wir konnten teilweise Kosten bis zu 10 Millionen Euro dann pro Baufeld tatsächlich auch einsparen.“ — Benjamin Buhlmann

    Das HOAI-Dilemma: Warum das Honorarsystem Kostensenkungen blockiert

    Die klassische Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) stößt in der modernen Projektpraxis zunehmend an ihre Grenzen. Da sich die Planerhonorare prozentual an den anrechenbaren Kosten orientieren, führt jede erfolgreiche Kosteneinsparung automatisch zu einer Reduzierung des Honorars für das Planungsbüro. Dieser systemische Webfehler demotiviert Planer, proaktiv nach günstigeren und effizienteren Alternativen zu suchen, da sie sich damit quasi selbst das wirtschaftliche Wasser abgraben.

    Im privaten Sektor versucht RHO, diesem Fehlanreiz durch innovative, partnerschaftliche Vergütungsmodelle entgegenzuwirken. Hierbei werden Planungsbüros über Sonderhonorare oder Bonusvereinbarungen direkt an den erzielten Einsparungen beteiligt, was die Motivation zur Optimierung massiv steigert. Im öffentlichen Bereich hingegen verhindert das starre Korsett der Vergabevorschriften solche flexiblen Lösungen, was Buhlmann scharf kritisiert.

    „Das Modell der HOAI ist einfach überholt. Man müsste sich hier generell mal was anderes überlegen.“ — Benjamin Buhlmann

    • Fehlanreize der HOAI: Sinkende Baukosten schmälern das Honorar der Planer trotz erhöhtem Arbeitsaufwand für die Umplanung.
    • Zusatzaufwand: Umplanungen zur Kostenreduktion erfordern oft komplexe behördliche Abstimmungen, die von den Standardhonoraren nicht abgedeckt sind.
    • Lösungsansatz: Vereinbarung von Pauschalhonoraren oder erfolgsbasierten Boni für nachgewiesene Einsparungen im privaten Bereich.

    Nachhaltigkeit als Pflicht: QNG und KfW-Förderung sichern

    Die Anforderungen an moderne Immobilienprojekte sind durch Nachhaltigkeitszertifikate wie das Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude (QNG) extrem gestiegen. Um die attraktiven Fördergelder der KfW (insbesondere das Programm KfW 40 NH) in Anspruch nehmen zu können, müssen strenge Grenzwerte für die CO2-Bilanzierung eingehalten werden. Konkret darf das Treibhausgas-Äquivalent einen Wert von 24 Kilogramm pro Quadratmeter Nutzfläche nicht überschreiten.

    Um diese hochkomplexen Anforderungen wirtschaftlich abzubilden, wählte das Team von RHO einen pragmatischen, aber wissenschaftlich fundierten Ansatz:

    • Referenzblock-Methode: Ein einzelner Gebäudeblock des Großquartiers wurde als Referenz herangezogen und bis ins kleinste Detail energetisch sowie stofflich optimiert.
    • Ganzheitliche Optimierung: Anpassungen erfolgten beim Deckensystem (Massiv- vs. Leichtbau), der PV-Belegung sowie der hocheffizienten TGA zur Wärmeerzeugung.
    • Skalierung: Die am Referenzobjekt erarbeiteten und zertifizierten Detaillösungen wurden anschließend auf die übrigen fünf Blöcke übertragen, was enorme Planungszeit sparte.

    Die goldene Leistungsphase 0: Das Fundament für den Projekterfolg

    Ein stetiges Hin und Her des Bauherrn und verzögerte Entscheidungen sind die größten Renditekiller bei Immobilienprojekten. Benjamin Buhlmann plädiert daher leidenschaftlich für eine extrem sorgfältige Vorbereitung in der sogenannten Leistungsphase 0. Bevor überhaupt der erste Planungsstrich gezogen wird, müssen die Rahmenbedingungen, die Nutzungkonzepte und die wirtschaftlichen Ziele felsenfest definiert sein.

    Ein mangelhaftes Lastenheft führt im weiteren Projektverlauf unweigerlich zu unzähligen Rückfragen, Planungsänderungen und damit zu massiven Verzögerungen und Nachträgen. Erfahrene Projektentwickler zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine glasklare Linie vorgeben, schnelle Entscheidungen treffen und strategische Puffer in die Terminplanung integrieren.

    • Anforderungsprofil: Das Lastenheft muss für alle Planer absolut selbsterklärend und unmissverständlich formuliert sein.
    • Qualitätssicherung: Die Implementierung von klar definierten Quality-Gates hilft dabei, in regelmäßigen Abständen zu prüfen, ob das Projekt noch auf dem richtigen Kurs ist.
    • Termintreue: Nur durch schnelle, verbindliche Entscheidungswege auf Bauherrenseite lassen sich anspruchsvolle Zeitpläne ohne Qualitätsverlust realisieren.

    Baubegleitende Qualitätssicherung gegen den Fachkräftemangel

    Der akute Fachkräftemangel auf den deutschen Baustellen ist längst kein theoretisches Problem mehr, sondern tägliche Realität. Buhlmann beobachtet einen spürbaren Rückgang des handwerklichen Know-hows bei den ausführenden Firmen sowie eine mangelhafte Ausbildung und Führung junger Bauleiter. Um folgenschwere Baumängel zu vermeiden, wird eine engmaschige, baubegleitende Qualitätssicherung (QS) durch unabhängige Experten immer wichtiger.

    Als bewährtes Werkzeug im Baumanagement empfiehlt Buhlmann die obligatorische Erstellung von Musterflächen direkt vor Ort. So können komplexe Details – wie beispielsweise Hohlkehlen an Balkonanschlüssen oder anspruchsvolle Spachtelarbeiten im Trockenbau – vorab gemeinsam bemustert, freigegeben und als Qualitätsstandard für die gesamte Baustelle definiert werden. Dies spart im Nachgang langwierige und teure Mängelbeseitigungsverfahren.

    • Musterflächen: Sie definieren den optischen und technischen Soll-Zustand für alle Nachfolgearbeiten und reduzieren das Mängelrisiko erheblich.
    • Wissens-Transfer: Die gezielte Förderung und Anleitung junger Bauleiter vor Ort kompensiert das fehlende Know-how der ausführenden Kräfte.
    • Detailkontrolle: Unabhängige Qualitätsprüfer in den Kostengruppen 300 und 400 sichern den Werterhalt des Gebäudes bereits während der Entstehung.

    Vertrauen und politische Stimme: Ein Appell an die Branche

    Zum Abschluss werfen Dr. Peter Burnickl und Benjamin Buhlmann einen Blick auf die Zukunft der deutschen Bau- und Immobilienwirtschaft. Angesichts der aktuellen Krise, gestiegener Zinsen und strenger Regulatorik fordern beide einen grundlegenden Wandel in der Zusammenarbeit aller Projektbeteiligten. Die Branche muss weg von einer von Misstrauen und juristischen Abwehrschlachten geprägten Kultur, hin zu echter Partnerschaftlichkeit auf Augenhöhe.

    Gleichzeitig formuliert Buhlmann einen deutlichen politischen Appell. Die deutsche Bauwirtschaft war in den vergangenen Jahren im Vergleich zu anderen Industriezweigen viel zu leise. Angesichts überbordender Normen, widersprüchlicher Richtlinien und unrealistischer Vorgaben müssen Unternehmer, Verbände und Planer gemeinsam viel lauter gegenüber der Politik auftreten, um praxistaugliche Rahmenbedingungen einzufordern.

    „Wir müssen wieder mehr aneinander vertrauen. Wir müssen wieder enger zusammenrücken, auch mit den Baufirmen.“ — Benjamin Buhlmann

    • Partnerschaftlichkeit: Erfolgreiches Bauen gelingt nur durch das gemeinsame Arbeiten an Projektzielen statt an gegenseitigen Schuldzuweisungen.
    • Politisches Gehör: Die Bauwirtschaft muss als einer der größten Wirtschaftszweige Deutschlands ihre Interessen proaktiver und lauter in Berlin vertreten.
    • Zukunftsperspektive: Durch Bürokratieabbau, Normenvereinfachung und gegenseitiges Vertrauen lässt sich bezahlbarer und qualitativ hochwertiger Wohnraum wieder wirtschaftlich realisieren.

    Häufige Fragen

    Wer ist Benjamin Buhlmann?

    Benjamin Buhlmann ist Bauingenieur und seit 2019 Geschäftsführer der RHO Baumanagement GmbH und der RHO Consulting GmbH. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Steuerung komplexer Großprojekte wie Flughäfen, Infrastrukturbauten und Wohnquartieren.

    Was ist der Unterschied zwischen RHO Consulting und RHO Baumanagement?

    Die RHO Consulting betreut die Leistungsphasen 1 bis 5 sowie 9 des Projektmanagements von der Projektidee bis zum Abschluss. Die RHO Baumanagement deckt die klassischen Leistungsphasen 6 bis 8 ab und bietet zusätzliche baubegleitende Qualitätssicherung.

    Was versteht man unter einer Pre-Construction-Phase?

    Dies ist eine frühe Phase in der Projektplanung (oft ab Leistungsphase 2), in der ein Generalunternehmer parallel zur Planung Kostenindikationen abgibt. Dadurch können Einsparpotenziale und Optimierungen frühzeitig erkannt werden, bevor hohe Planungskosten entstehen.

    Wie viel Geld konnte RHO durch die Pre-Construction-Phase einsparen?

    Bei einem Großprojekt in Nordrhein-Westfalen mit 82.000 Quadratmetern Bruttogrundfläche konnten durch die frühe GU-Einbindung bis zu 10 Millionen Euro pro Baufeld eingespart werden.

    Warum behindert die HOAI oft die Kosteneinsparung bei Bauprojekten?

    Da die Honorare von Planern an die anrechenbaren Kosten gekoppelt sind, sinken ihre Einnahmen, wenn sie kostensparend planen. Dies schafft einen falschen Anreiz, da ein höherer Planungsaufwand zur Einsparung mit Honorarkürzungen bestraft wird.

    Wie lassen sich Planer im privaten Bereich dennoch zur Kosteneinsparung motivieren?

    Im privaten Sektor können alternative Vergütungsmodelle wie Pauschalhonorare, Sonderhonorare für Optimierungen oder Bonusbeteiligungen an den eingesparten Baukosten vereinbart werden.

    Welche CO2-Grenzwerte gelten für die QNG-Zertifizierung?

    Um das QNG-Siegel für die KfW-Förderung (KfW 40 NH) zu erhalten, darf die Treibhausgas-Bilanz maximal 24 Kilogramm CO2-Äquivalent pro Quadratmeter Nutzfläche betragen.

    Wie löst RHO die Herausforderungen der QNG-Zertifizierung bei Großprojekten?

    RHO optimiert zunächst einen repräsentativen Referenzblock des Quartiers hinsichtlich Bauweise, PV-Anlage und TGA. Die dort erarbeiteten und zertifizierten Lösungen werden anschließend auf alle weiteren Blöcke übertragen.

    Warum ist die Leistungsphase 0 für Bauherren so entscheidend?

    In dieser Phase werden die Grundlagen, Nutzungskonzepte und das Lastenheft definiert. Ein unklares Lastenheft führt zu zeitaufwendigen Rückfragen, Fehlplanungen und teuren Nachträgen im späteren Bauverlauf.

    Welchen Nutzen bieten Musterflächen bei der baubegleitenden Qualitätssicherung?

    Musterflächen definieren vorab verbindlich den geforderten Qualitätsstandard für anspruchsvolle Gewerke wie Trockenbau oder Abdichtungen. Sie verhindern Missverständnisse mit Handwerkern und reduzieren das Risiko teurer Mängelbeseitigungen.

    Transkript

    Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.