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    immo-inside · 6. Nov 2024

    IPA & Lean Construction: Bis zu 40% schnellere Bauprojekte

    6. Nov 2024 45:47 5 Min. Lesezeit
    #010 - Prof. Dr. Claus Nesensohn - IPA & Lean Management, die großen Zeit- und Kostenhebel

    Kapitel

    Das Wichtigste in Kürze

    • Ein Gesellenbrief im Handwerk bietet in der Baubranche oft eine stärkere Verbindung zur Realität und den Wertschöpfungspartnern als akademische Titel.
    • Lean Construction kann die Durchlaufzeit von Bauprojekten um bis zu 40 Prozent verkürzen und die Produktivität um 50 Prozent steigern.
    • Die Integrierte Projektabwicklung (IPA) führt Schlüsseldisziplinen frühzeitig in einem kollaborativen Mehrparteienvertrag zusammen, statt Risiken sequenziell zu verschieben.
    • Die Validierungsphase im IPA-Modell ermöglicht es allen Partnern, das Projekt vor dem finalen Baustart partnerschaftlich auf Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit zu prüfen.
    • Durch moderne, auf dem Last-Planner-System basierende Produktionssysteme lässt sich der CO2-Ausstoß bereits bei der Gebäudeentstehung um bis zu 23 Prozent reduzieren.

    Erfahre von Prof. Dr. Claus Nesensohn, wie Lean Management und Integrierte Projektabwicklung (IPA) Zeit und Kosten im Bauwesen drastisch reduzieren.

    Vom Zimmermann zum Universitätsprofessor

    Der Werdegang von Professor Dr. Claus Nesensohn zeigt eindrucksvoll, wie wertvoll der zweite Bildungsweg in der Bauwirtschaft ist. Seine Reise begann mit einer Ausbildung zum Zimmermann, führte über die Bautechnikerschule und das Bauingenieurstudium bis zur Promotion in Liverpool und schließlich auf den Lehrstuhl für Lean Construction und IPA an der HFT Stuttgart.

    Diese Kombination aus handwerklicher Praxis und akademischer Exzellenz ermöglicht ihm ein tiefes Verständnis für die Realität auf der Baustelle. Er betont, dass die wichtigste Grundlage für seinen heutigen Erfolg nicht akademische Titel sind, sondern die praktische Erfahrung und die Augenhöhe mit den ausführenden Handwerkern.

    „Der Gesellenbrief ist heute eine wichtigere Währung für mich als ein Doktortitel oder ein Professorentitel, weil der bringt mir mehr.“ — Claus Nesensohn

    Die Wertschöpfung am Bau wird maßgeblich von den gewerblichen Mitarbeitern erbracht. Ein tiefes Verständnis für deren Arbeitsprozesse ist der Schlüssel zur erfolgreichen Projektoptimierung.

    Das gewaltige Produktivitätspotenzial der Baubranche

    In der Bauindustrie schlummert ein enormes Optimierungspotenzial, das in vielen traditionellen Projekten ungenutzt bleibt. Wissenschaftliche Studien und Praxisdaten belegen ein Produktivitätsdefizit von rund 50 Prozent im Vergleich zu anderen Industriezweigen.

    Mit modernen Methoden lassen sich diese Defizite gezielt auflösen und signifikante Effizienzsteigerungen erzielen. Claus Nesensohn konnte in seinen Projekten nachweisen, dass drastische Verbesserungen bei Zeit und Kosten kein theoretischer Wunschtraum sind.

    • Durchlaufzeiten: Bauprojekte können mit optimierten Prozessen um bis zu 40 Prozent schneller abgeschlossen werden.
    • Produktivität: Durch die Eliminierung von Verschwendung auf der Baustelle lässt sich die Produktivität im Schnitt um die Hälfte steigern.
    • Internationale Vorreiter: Länder wie Großbritannien haben bereits vor Jahren staatliche Strategien gestartet, um die Projektlaufzeiten im öffentlichen Bau drastisch zu reduzieren.

    Integrierte Projektabwicklung (IPA) im Praxistest

    Dass die Integrierte Projektabwicklung (IPA) nicht nur bei Großprojekten im Milliardenbereich funktioniert, zeigt ein bemerkenswertes Referenzprojekt in Stuttgart. Mit einem Gesamtbudget von nur 400.000 Euro wurde dort das kleinste IPA-Projekt realisiert – ein hochmoderner Büroumbau unter extremen Rahmenbedingungen.

    Trotz der Corona-Pandemie und globaler Materialengpässe wurde das Vorhaben in einer Rekordzeit von nur zwölf Wochen erfolgreich abgeschlossen. Der Schlüssel lag im kooperativen Mehrparteienvertrag, der alle Beteiligten finanziell an denselben Zielen ausrichtete.

    • Risikoteilung: Bei Budgetüberschreitungen tragen Bauherr, Planer und Handwerker das finanzielle Risiko gemeinsam zu definierten Anteilen.
    • Gewinnkopplung: Einsparungen und Effizienzgewinne fließen in einen gemeinsamen Topf, von dem alle Projektpartner gleichermaßen profitieren.
    • Skalierbarkeit: Das Modell funktioniert im Kleinen oft noch agiler und reibungsloser als bei komplexen Megaprojekten.

    Warum das klassische Planungs- und Vergabesystem scheitert

    Das traditionelle System aus sequenzieller Planung, Ausschreibung und Vergabe an den billigsten Bieter ist nachweislich fehleranfällig. Historisch wurde dieses Modell von Juristen entwickelt, um Risiken einseitig zu verschieben, statt partnerschaftliche Lösungen zu fördern.

    Dieser starre Ansatz führt in der Praxis fast immer zu Zeitverzug, Nachträgen und Konflikten zwischen den Parteien. Die Trennung von Planenden und Ausführenden verhindert, dass das wertvolle Fachwissen der Handwerker rechtzeitig in die Planung einfließt.

    „Planen und Bauen ist ein sozialer Prozess. Das ist ja nicht einfach zwei Lego-Steine, die ich aneinanderstecken kann.“ — Claus Nesensohn

    Erfolgreiches Bauen erfordert eine kontinuierliche Kommunikation und enge Kollaboration aller Schlüsseldisziplinen von der ersten Minute an.

    Der Ablauf eines IPA-Projekts in drei Schritten

    Ein erfolgreiches IPA-Projekt bricht mit den klassischen, starren Phasen der Honorarordnung und setzt auf ein partnerschaftliches Drei-Phasen-Modell.

    • Schritt 1: Strategische Teamauswahl: Bereits in der Initiierungsphase werden die relevanten Schlüsselgewerke und Planer über ein kulturelles Assessment-Center ausgewählt, um die bestmögliche Teamchemie zu sichern.
    • Schritt 2: Die Validierungsphase: In einer mehrmonatigen, voll vergüteten Phase prüft das gesamte Team das Projekt gemeinsam auf Herz und Nieren, optimiert die Kosten und legt das Zielbudget fest.
    • Schritt 3: Integrierte Umsetzung: Das Projekt wird als echtes Team realisiert, wobei alle Partner ihre Prozesse über agile Methoden täglich aufeinander abstimmen.

    „Wenn du keine Lean-Kultur hast, funktioniert auch kein IPA.“ — Claus Nesensohn

    Die vertragliche Struktur von IPA benötigt zwingend ein einfaches Fundament aus kollaborativen Lean-Methoden, um die versprochenen Effizienzgewinne auf der Baustelle auch tatsächlich zu realisieren.

    Nachhaltigkeit und Komplexität als Treiber neuer Methoden

    Moderne Bauherren stehen heute vor der Herausforderung, komplexe Anforderungen mit ambitionierten Klimazielen in Einklang zu bringen. Vor allem bei Spezialimmobilien wie Gigafactories oder verfahrenstechnischen Anlagen stößt das klassische Projektmanagement an seine Grenzen.

    Hier bietet der Lean-Ansatz in Kombination mit IPA die notwendige Flexibilität, um auch während der Planungs- und Bauphase auf veränderte Anforderungen zu reagieren. Gleichzeitig liefert das System messbare Beiträge zum Umweltschutz.

    • CO2-Reduktion: Durch den Einsatz des Last-Planner-Systems lassen sich die CO2-Emissionen bereits während der Erstellungsphase um bis zu 23 Prozent senken.
    • Umgang mit Unbekannten: Wenn die genaue Anlagentechnik bei Baubeginn noch nicht final feststeht, ermöglicht das kooperative Modell eine flexible, parallele Planung und Ausführung ohne teure Nachträge.
    • Vermeidung von Verschwendung: Durch die Reduktion von Doppelplanungen und Fehlern wird der Ressourcenverbrauch auf der Baustelle nachweislich minimiert.

    Die wichtigsten Hebel für zukunftsorientierte Bauherren

    Wer als Bauherr langfristig wirtschaftlich erfolgreich sein will, muss seine Herangehensweise grundlegend hinterfragen und tradierte Pfade verlassen. Es gilt, die Faktoren Zeit, Mensch und Nachhaltigkeit als die zentralen Werttreiber eines jeden Immobilienprojekts zu verstehen.

    • Zeitwert berechnen: Eine Verkürzung der Bauzeit bedeutet nicht nur geringere Baunebenkosten, sondern sichert vor allem eine deutlich frühere Generierung von Mieteinnahmen.
    • Mensch im Mittelpunkt: Bauprojekte müssen für Fachkräfte und Planer ein attraktives, wertschätzendes Umfeld bieten, anstatt Beteiligte durch ständigen Druck und Konflikte in den Burnout zu treiben.
    • Mut zur Veränderung: Innovation entsteht nicht durch das Wiederholen alter Fehler, sondern durch die Bereitschaft, neue, kooperative Vertrags- und Abwicklungsmodelle aktiv auszuprobieren.

    Häufige Fragen

    Was ist Integrierte Projektabwicklung (IPA)?

    IPA ist ein kollaboratives Abwicklungsmodell, das wichtige Planer und ausführende Schlüsselgewerke frühzeitig in einem Mehrparteienvertrag zusammenbringt, um das Projekt gemeinsam zu optimieren.

    Wie viel Zeit lässt sich durch Lean Construction einsparen?

    Wissenschaftliche Untersuchungen und Praxisprojekte zeigen, dass durch Lean Construction die Durchlaufzeiten um bis zu 40 % verkürzt und die Produktivität um 50 % gesteigert werden können.

    Ab welcher Projektgröße ist IPA sinnvoll?

    IPA macht bei fast jeder Projektgröße Sinn. Im Podcast wird ein erfolgreiches Büro-Umbauprojekt mit nur 400.000 Euro Projektvolumen als kleinstes IPA-Projekt Europas genannt.

    Was passiert bei IPA, wenn das Budget überschritten wird?

    Bei einer Budgetüberschreitung tragen der Bauherr und die Partner (Planer/Handwerker) das Risiko meist gemeinschaftlich, indem beispielsweise Gewinne gekürzt werden oder der Bauherr einen Teil zuschießt.

    Was ist die Validierungsphase bei IPA?

    Es ist eine vorgeschaltete Phase, in der das Team das Projekt auf Machbarkeit und Kosten prüft. Passt die Planung nicht zum Budget, können alle Beteiligten über eine Exit-Option aussteigen.

    Wie hängen Lean Construction und IPA zusammen?

    Lean Construction liefert die Methoden und die kollaborative Kultur, während IPA den vertraglichen und organisatorischen Rahmen stellt. Ohne eine gelebte Lean-Kultur funktioniert IPA in der Praxis meist nicht.

    Wie kann durch Lean Management CO2 eingespart werden?

    Durch den Einsatz eines auf dem Last-Planner-System basierenden Produktionssystems kann der CO2-Fußabdruck bereits während der Gebäudeentstehung um bis zu 23 % reduziert werden.

    Warum ist das klassische Planen und Bauen oft ineffizient?

    Der klassische Ansatz trennt Planung, Ausschreibung und Bauen sequenziell, was zu Informationsverlusten führt. Risiken werden oft nur vertraglich verschoben, statt sie partnerschaftlich zu lösen.

    Wie wählt man Partner für ein IPA-Projekt aus?

    Partner werden nicht primär über den billigsten Preis, sondern über ein Assessment-Center ausgewählt, bei dem Kompetenz, Kultur und die Bereitschaft zur echten Zusammenarbeit im Vordergrund stehen.

    Welche Vorteile hat der zweite Bildungsweg in der Baubranche?

    Absolventen mit handwerklicher Vorbildung (wie einem Gesellenbrief) können schneller eine Verbindung zu Handwerkern und Unternehmern auf Augenhöhe aufbauen, was die partnerschaftliche Zusammenarbeit enorm erleichtert.

    Transkript

    Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.