
Wie gelingt die digitale Transformation im Bestand? Prof. Dr. Björn-Martin Kurzrock zeigt, wie KI und EnergyARK die energetische Sanierung optimieren.
Die akademische Laufbahn von Prof. Dr. Björn-Martin Kurzrock ist geprägt von der Verbindung aus datengestützter Analyse und technischem Verständnis. Nach seinem Studium und der Promotion im Umfeld der Deutschen Immobiliendatenbank (DID) zog es den geborenen Hannoveraner an die Technische Universität Kaiserslautern. An der heutigen RPTU Kaiserslautern-Landau leitet er das Fachgebiet Immobilienökonomie und bringt eine tiefgehende interdisziplinäre Perspektive ein.
Diese technische Verankerung im Bauingenieurwesen erwies sich im Laufe der Jahre als echter Glücksfall für die praxisnahe Forschung. Durch die enge Kooperation mit Fachbereichen wie der Informatik, Elektrotechnik und Raumplanung entstehen zukunftsfähige Lösungen für reale Herausforderungen der Bau- und Immobilienbranche.
Der von Kurzrock geleitete Studiengang „Immobilien und Facilities – Management und Technik“ (IFMT) bereitet Studierende gezielt auf die steigende Komplexität moderner Immobilien vor. Absolventen dieses Studiengangs sind sowohl in der wirtschaftlichen Steuerung als auch in den anspruchsvollen technischen Details von Baukonstruktionen ausgebildet. Dies macht sie zu gefragten Fachkräften in einer Branche, die zunehmend durch technische Asset-Management-Anforderungen geprägt wird.
Die Struktur des Studiums zeichnet sich durch eine hohe Flexibilität aus, die es den Studierenden erlaubt, persönliche Schwerpunkte zu setzen. Neben dem regulären Fächerkanon fördert die Universität gezielt Auslandssemester und praktische Tätigkeiten zur Schärfung des persönlichen Profils.
Aus der universitären Forschung heraus entstand im Jahr 2023 das Spin-Off AdvisoRE. Ziel des Gründerteams war es, das gesammelte Know-how zur energetischen Modernisierung in eine anwenderfreundliche Softwarelösung zu übersetzen. Mit der webbasierten Plattform EnergyARK wurde ein Werkzeug geschaffen, das insbesondere mittelgroße Wohnungsbestandshalter bei der strategischen Portfolioanalyse unterstützt.
Ein besonderes Augenmerk bei der Softwareentwicklung lag auf der Usability, da viele hochentwickelte Lösungen in der Praxis an einer zu hohen Komplexität scheitern. EnergyARK benötigt nur wenige Basisdaten, um präzise und verlässliche energetische Prognosen für ganze Portfolios zu erstellen.
In der aktuellen Debatte um die Dekarbonisierung des Gebäudesektors herrscht oft große Verunsicherung unter Eigentümern. Theoretische Bedarfsausweise weisen Bestandsgebäuden häufig sehr schlechte Effizienzklassen zu, was den Druck zu drastischen Sanierungsmaßnahmen erhöht. Die Analysen von AdvisoRE zeichnen hier jedoch ein deutlich differenzierteres und weitaus positiveres Bild der Realität.
„Die Gebäude sind in der Breite oft besser als ihr Ruf.“ — Björn-Martin Kurzrock
Durch den Abgleich von theoretischen Bedarfswerten mit realen, witterungsbereinigten Verbrauchsdaten zeigt sich regelmäßig, dass viele Gebäude energetisch deutlich effizienter arbeiten als angenommen. Dieser Umstand eröffnet Bestandshaltern wertvolle Spielräume bei der strategischen Planung ihrer Investitionen.
Ein zentraler Fehler, der in der Praxis häufig zu beobachten ist, liegt im blinden Drang zur Vollsanierung. Oftmals treiben utopische Zielvorgaben oder der Wunsch nach maximaler staatlicher Förderung Eigentümer in unwirtschaftliche Sanierungsprojekte. Prof. Kurzrock warnt eindringlich vor dieser unreflektierten Vorgehensweise, die enorme finanzielle Mittel ineffizient bindet.
„Ein großer, wichtiger Punkt ist auch, vor allem beim Bauen im Bestand, auch zu viel Modernisierung.“ — Björn-Martin Kurzrock
Statt das gesamte Budget in die aufwendige Sanierung einer kleinen Teilmenge des Portfolios auf ein theoretisches A-Niveau zu stecken, empfiehlt sich ein pragmatischerer Ansatz. Eine breite Anhebung des Gesamtbestands auf ein solides C- oder D-Niveau ist volkswirtschaftlich und ökologisch meist deutlich wirksamer.
Ein oft unterschätzter Hebel für die Energieeffizienz ist das tatsächliche Verhalten der Mieter. Technische Optimierungen am Gebäude verpuffen schnell, wenn die Bewohner nicht mitgenommen werden oder die verbaute Technik im Alltag zu komplex ist. Kurzrock plädiert daher für eine verstärkte Low-Tech-Ausrichtung und eine transparentere Mieterkommunikation.
Wenn Mieter verständliche Rückmeldungen zu ihrem Verbrauchsverhalten im Vergleich zum Gebäudestandard erhalten, agieren sie meist überraschend rational und kooperativ. Die Digitalisierung sollte daher genutzt werden, um Brücken der Kommunikation zu bauen, anstatt Gebäude mit fehleranfälliger Sensorik zu überfrachten.
Die Energiewende in Wohnquartieren erfordert neue, kooperative Betreiber- und Geschäftsmodelle. In einem aktuellen Forschungsprojekt arbeitet das Team der RPTU gemeinsam mit den Stadtwerken Kaiserslautern an intelligenten Quartiers-Energiemanagementsystemen. Der innovative Kern dieses Ansatzes liegt in der Entlastung des Endverbrauchers von komplexen Tarifentscheidungen.
Statt jeden einzelnen Mieter mit variablen Stromtarifen und der optimalen Nutzung von Haushaltsgeräten zu überfordern, übernimmt der Energieversorger die übergeordnete Optimierung. Über smarte Contracting-Modelle wird die Energieerzeugung und der Verbrauch auf Quartiersebene zentral gesteuert und optimiert.
Projektentwicklung ist weit mehr als das bloße Schaffen von Wohn- und Gewerbeflächen. Sie bedeutet die aktive Gestaltung des urbanen Raums für die kommenden Generationen. Prof. Kurzrock betont die gesellschaftliche Verantwortung, die jeder Akteur in diesem Segment trägt, und plädiert für eine ganzheitliche Qualitätsorientierung im Bauwesen.
„Bauen Sie bitte so, als ob Sie Selbstnutzer wären.“ — Björn-Martin Kurzrock
Ein nachhaltiger Erfolg stellt sich dann ein, wenn ökonomische, ökologische und soziale Aspekte in der Projektentwicklung im Einklang stehen. Konzepte wie die zirkuläre Bauweise zeigen bereits heute, wie Gebäude so konzipiert werden können, dass sie nach ihrer Nutzungsphase als wertvolle Materialressource erhalten bleiben.
Abschließend wirft der Podcast auch einen Blick auf exklusive Networking-Möglichkeiten für Macher aus der Immobilienwirtschaft. Dr. Peter Burnikl stellt eine handverlesene Masterclass in Griechenland vor, bei der im Rahmen einer exklusiven Yacht-Tour im Mai 2026 tiefgehender Austausch abseits des klassischen Konferenztrubels ermöglicht wird.
Er ist Professor für Immobilienökonomie an der RPTU Kaiserslautern-Landau, Leiter des Studiengangs „Immobilien und Facilities – Management und Technik“ und Mitgründer des PropTechs AdvisoRE.
AdvisoRE ist eine universitäre Ausgründung, die die Software-Plattform EnergyARK entwickelt hat. Diese hilft Wohnungsbestandshaltern bei der energetischen Analyse und Modernisierungsplanung ihrer Bestände.
Bedarfsausweise stufen Gebäude häufig zu schlecht ein, weil sie standardisierte Annahmen treffen. In der Realität passen Mieter ihr Heizverhalten an, wodurch der tatsächliche Verbrauch oft besser ausfällt.
Der Sweet Spot für die Nutzung der Plattform liegt bei Wohnungsbestandshaltern mit 500 bis ca. 20.000 Wohneinheiten, die keine riesigen Inhouse-Ressourcen für ESG-Konzepte haben.
Davon spricht man, wenn Portfolios mit hohem finanziellem Aufwand auf Standard A oder B saniert werden, obwohl eine schrittweise Modernisierung auf Niveau C oder D wirtschaftlich viel sinnvoller wäre.
Einen enormen Einfluss, da Mieter insbesondere bei steigenden Energiepreisen ihr Heiz- und Lüftungsverhalten rational anpassen, was zu signifikanten Verbrauchsreduktionen führen kann.
Energieversorger optimieren variable Tarife zentral auf Quartiersebene. Durch diese effiziente Bewirtschaftung können am Jahresende Beitragsrückerstattungen an die Mieter ausgeschüttet werden.
Der Studiengang „Immobilien und Facilities – Management und Technik“ verbindet anspruchsvolle bauingenieurtechnische Fächer mit wirtschaftswissenschaftlichen Inhalten und bietet hohe Flexibilität durch Wahlfächer.
Ein zirkuläres Gebäude wie das „Circle“ in Amsterdam ist so konstruiert, dass es nach seiner Nutzungsdauer komplett zerstörungsfrei demontiert und an einem anderen Ort wieder aufgebaut werden kann.
Projektentwickler sollten stets so bauen, als ob sie selbst die Nutzer der Immobilie wären, um ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltige Gebäude zu schaffen.
Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.