
70 % der Wände im Wohnungsbau brauchen keinen Stahl. Tragwerksplaner Andreas Mendler erklärt, wie unbewehrter Beton Bauzeit, Kosten und CO2 einspart.
Die Baubranche stöhnt unter explodierenden Kosten, bürokratischen Hürden und immer dickeren Wänden. Doch die Lösung für eines der größten Sparpotenziale liegt nicht in einer neuen High-Tech-Erfindung, sondern in einer altbewährten Methode: dem Verzicht auf Stahl im Beton.
Tragwerksplaner Andreas Mendler zeigt auf, dass rund 70 Prozent der Wände im klassischen Wohnungsbau überhaupt keinen Stahl benötigen. Was im Nachbarland Frankreich seit Jahrzehnten der absolute Standard ist, gilt in Deutschland fälschlicherweise immer noch als gewagtes Experiment.
Dabei ist die Bauweise mit unbewehrtem Beton seit 1955 glasklar in den deutschen Normen geregelt. Wer auf den überflüssigen Stahl verzichtet, senkt nicht nur die Baukosten massiv, sondern zündet auch einen echten Turbo bei der Bauzeit.
„70 % der Wände im Wohnungsbau brauchen gar keinen Stahl.“ — Andreas Mendler
Die erste Sorge vieler Bauherren und Planer dreht sich stets um die Tragfähigkeit und die Sicherheit des Gebäudes. Ohne die metallische Bewehrung im Kern, so die intuitive Angst, drohe die Wand unter der Last zusammenzubrechen.
Andreas Mendler räumt mit diesem physikalischen Missverständnis radikal auf und nutzt dafür ein anschauliches Rechenbeispiel aus der Tragwerksplanung. Eine klassische, unbewehrte Betonwand mit einer Dicke von 25 Zentimetern in normaler Betongüte (C25/30) kann enorme Lasten aufnehmen.
In der Praxis bedeutet dies, dass problemlos 20 Vollgeschosse auf einer solchen unbewehrten Wand stehen können. Die Tragfähigkeit ist also in den allermeisten Fällen absolut ausreichend.
Ein weiteres hartnäckiges Vorurteil besagt, dass der Verzicht auf Stahl durch eine massivere Wandstärke kompensiert werden muss. Dies würde wertvolle Wohnfläche kosten und den Materialverbrauch an Beton wieder in die Höhe treiben.
Doch ein Blick in das geltende Regelwerk, den Eurocode 2 (Kapitel 12), widerlegt diese Annahme komplett. Es geht somit kein einziger Quadratmeter Wohnfläche verloren, während gleichzeitig tonnenweise teurer Baustahl eingespart wird.
„Die Wände müssen keine Millimeter dicker sein. Der Eurocode 2 schreibt genau dieselben Mindestwanddicken vor.“ — Andreas Mendler
Sowohl aus statischer Sicht als auch im Hinblick auf den Brandschutz stellt die Norm exakt dieselben Anforderungen an die Mindestwanddicken einer unbewehrten Betonwand wie an eine klassische Stahlbetonwand. Die Bedenken bezüglich dickerer Wände sind damit vollständig unbegründet.
Wenn die Methode so einfach, sicher und normativ abgedeckt ist, stellt sich die Frage, warum in Deutschland fast flächendeckend mit Unmengen an Stahl gebaut wird. Die Ursache liegt in der akademischen Ausbildung der Tragwerksplaner und Ingenieure.
An den deutschen Universitäten wird das Thema des unbewehrten Betonbaus schlichtweg nicht gelehrt. Die einzige Ausnahme bilden unbewehrte Streifenfundamente – alle anderen Bauteile werden im Studium ignoriert.
Dadurch entsteht eine extrem konservative Planungskultur. Diese ist stark von Haftungsängsten und dem Wunsch nach maximaler Absicherung geprägt, weshalb lieber altbekannte Wege beschritten werden.
Die wirtschaftlichen Vorteile des Bauens ohne Stahl sind überwältigend. Wenn etwa 40 bis 50 Prozent aller Betoninnen- und -außenwände eines Gebäudes unbewehrt ausgeführt werden, sinken die Gesamtprojektkosten spürbar.
Insgesamt lassen sich rund zwei Prozent der gesamten Baukosten der Kostengruppen 300 und 400 einsparen. Bei einem durchschnittlichen Wohnbauprojekt entspricht dies einer Einsparung von etwa 50 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche.
Dass das Konzept nicht nur in der Theorie, sondern auch bei anspruchsvollen Großprojekten hervorragend funktioniert, beweist ein kürzlich fertiggestelltes Hotelprojekt in Konstanz. Das Gebäude mit 200 Zimmern erstreckt sich vom Erdgeschoss bis zum sechsten Obergeschoss.
Obwohl das Gebäude in der anspruchsvollen Erdbebenzone 2 liegt, wurden 60 bis 70 Prozent aller Innen- und Außenwände unbewehrt geplant und ausgeführt. Lediglich die zentralen Erschließungskerne mussten zur Aussteifung mit Stahl bewehrt werden.
„Das ist kein nachhaltiger Firlefanz – das ist einfach nur effizient. Und trotzdem CO₂-sparend.“ — Andreas Mendler
Das Ergebnis war eine extrem verkürzte Rohbauzeit, die selbst die erfahrene Baufirma in Erstaunen versetzte. Das Hotel zeigt eindrucksvoll, dass unbewehrter Beton selbst unter schwierigen Randbedingungen die optimale Wahl ist.
Ein weit verbreitetes Bedenken betrifft die Entstehung von Rissen im Beton, sobald keine stählernen Zugbänder mehr im Bauteil liegen. Da Beton unbewehrt nur Druckkräfte aufnehmen kann, befürchten Kritiker unkontrollierte Risse durch Schwinden.
Die langjährige Erfahrung aus realisierten Projekten zeichnet jedoch ein völlig anderes Bild. Bei Beachtung einfacher konstruktiver Regeln verhält sich der Baustoff absolut unproblematisch.
Das Bauen ohne Stahl ist somit kein unkalkulierbares Wagnis, sondern eine Frage des fachlichen Muts und des pragmatischen Denkens. In Zeiten, in denen bezahlbarer Wohnraum dringend benötigt wird, kann sich die Branche eine künstliche Verteuerung nicht mehr leisten.
Gefragt ist ein Umdenken bei Architekten, Tragwerksplanern und Bauherren gleichermaßen. Es gilt, die starren bürokratischen Denkweisen abzulegen und wieder mehr in den fachlichen Diskurs zu treten.
Weniger Material bedeutet am Ende nicht nur weniger Kosten, sondern schont auch die Ressourcen unseres Planeten. Mit einer offenen Fehlerkultur und mehr Mut zu bewährten Methoden lässt sich die Bauwende erfolgreich gestalten.
Unbewehrter Beton ist Beton, der ohne die Zugabe von Stahlbewehrung hergestellt wird. Er wird dort eingesetzt, wo Bauteile wie Wände oder Stützen vorwiegend auf Druck belastet werden.
Durch den Verzicht auf Stahl in rund 40 bis 50 Prozent der Wände lassen sich etwa zwei Prozent der gesamten Baukosten (Kostengruppen 300 und 400) bzw. ca. 50 Euro pro Quadratmeter einsparen.
Nein, eine unbewehrte Wand (25 cm, C25/30) trägt rechnerisch ca. 180 Tonnen pro laufendem Meter (das entspricht der Last von 30 Elefanten), was für bis zu 20 Vollgeschosse ausreicht.
Nein, laut Eurocode 2 (Kapitel 12) gelten für unbewehrte Betonwände aus statischer und brandschutztechnischer Sicht exakt dieselben Mindestwanddicken wie für Stahlbeton.
Ja, diese Bauweise ist seit 1955 in den deutschen Normen geregelt und im Eurocode 2 verankert, weshalb keine Sondergenehmigung (Zustimmung im Einzelfall) erforderlich ist.
Der unbewehrte Betonbau wird an deutschen Universitäten kaum gelehrt, weshalb Tragwerksplaner aus Gewohnheit und Angst vor Haftungsrisiken auf die bekannte Stahlbewehrung setzen.
Da keine komplexen Bewehrungspläne gezeichnet und keine Stahlmatten geflochten werden müssen, spart diese Methode etwa 10 bis 15 Stunden Arbeitszeit pro Tonne Betonstahl ein.
Nein, statistische Erfahrungen zeigen, dass unbewehrte Wände bei Einhaltung normaler Randbedingungen wie Nachbehandlung und Sollbruchfugen nicht häufiger reißen als klassischer Stahlbeton.
Unbewehrter Beton kann enorme Druckkräfte aufnehmen, eignet sich jedoch nicht für Bauteile unter Zug- oder Biegebeanspruchung wie weit gespannte Decken oder freistehende Träger.
In Ländern wie Frankreich ist der Bau von tragenden Wänden aus unbewehrtem Beton im Wohnungsbau bereits seit Jahrzehnten der absolute Standard.
Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.