
Wie baut man die nachhaltigsten Supermärkte der Welt ohne Mehrkosten? Sebastian Schels zeigt, wie Holzbau & Cradle-to-Cradle wirtschaftlich funktionieren.
Die Erfolgsgeschichte von RATISBONA Handelsimmobilien reicht fast 100 Jahre zurück. Sebastian Schels leitet das Unternehmen heute in der vierten Generation einer echten Unternehmerfamilie. Alles begann im Jahr 1928, als sein Urgroßvater Michael Schels einen Lebensmittelgroßhandel gründete, der die damaligen Tante-Emma-Läden der Region Regensburg belieferte.
In den 1980er-Jahren entwickelte Sebastians Vater das Geschäftsmodell entscheidend weiter. Er experimentierte mit Discount-Konzepten wie dem „Sudi“ (Super-Discount) und legte schließlich 1983 den Grundstein für den ersten Netto-Marken-Discount. Weil die Standortentwicklung im Lebensmitteleinzelhandel eine fundamentale Rolle für den Erfolg spielt, wurde 1987 die Firma RATISBONA gegründet, um die Immobilienentwicklung selbst in die Hand zu nehmen.
Heute ist RATISBONA ein führender Trade-Developer, der jährlich etwa 15 bis 20 Lebensmittelmärkte in ganz Deutschland realisiert und diese nach der Fertigstellung an Investoren veräußert. Dabei baut das Unternehmen längst nicht mehr nur für Netto, sondern für alle namhaften Lebensmittelketten wie Edeka, Rewe, Aldi und Lidl.
Für Sebastian Schels ist Nachhaltigkeit kein bloßes Marketing-Feigenblatt, sondern eine tief verankerte Lebenseinstellung und ein zentraler Treiber seiner unternehmerischen DNA. Als Familienvater von vier Kindern stellt er sich aktiv der Verantwortung für kommende Generationen und hinterfragt die traditionelle, rein auf Renditemaximierung ausgelegte Immobilienwirtschaft.
Um den Transformationsprozess im eigenen Unternehmen anzustoßen, ging Schels einen ungewöhnlichen und mutigen Schritt: Er signalisierte seiner Belegschaft in persönlichen Gesprächen eine klare Bereitschaft zum bewussten Verzicht auf kurzfristige Rendite zugunsten von Innovation und Ökologie.
„Ich bin bereit, weniger Geld am Ende zu verdienen, aber ich möchte dieses Unternehmen nachhaltig transformieren.“ — Sebastian Schels
Diese deutliche Ansage löste interne Denkblockaden. Sie erlaubte es dem Team, Baukörper völlig neu zu planen und innovative Wege zu erproben. Heute zeigt sich, dass sich dieser Fokus als massiver Wettbewerbsvorteil und hochprofitables Geschäftsmodell erwiesen hat.
RATISBONA setzt bei Neubauten konsequent auf hocheffiziente, ökologische Standards wie KfW 40 beziehungsweise BEG 40. Der Schlüssel zur wirtschaftlichen und schnellen Umsetzung liegt in einer intelligenten Standardisierung und der Nutzung ökologischer Baustoffe.
Im Neubausegment hat das Unternehmen eine spezialisierte Holz-Ständerbauweise etabliert, die erhebliche baubetriebliche Vorteile mit sich bringt:
Zusätzlich gehören großflächige Photovoltaikanlagen auf den Dächern und moderne Wärmepumpen-Heizsysteme zum absoluten Mindeststandard jeder neuen Immobilie.
Ein weit verbreiteter Irrglaube in der Baubranche ist, dass ökologisches Bauen unweigerlich zu enormen Preissteigerungen führt. Sebastian Schels bricht mit diesem Vorurteil und fordert Hersteller sowie Lieferanten aktiv heraus, indem er bei der Entwicklung nachhaltiger Bautypen keine Mehrkosten akzeptiert.
„Es gibt keinerlei Argumente, wieso nachhaltiges Bauen teurer sein soll.“ — Sebastian Schels
Durch strategische Skalierung und langfristige Partnerschaften mit Handwerksbetrieben und Herstellern erzielt RATISBONA signifikante Wiederholungseffekte. In Zeiten hoher Inflation und steigender Materialpreise erwiesen sich nachhaltige, regionale Baustoffe zudem als deutlich preisstabiler als konventionelle Materialien wie erdölbasierte Wärmedämmverbundsysteme (WDVS).
Beim Planen und Bauen orientiert sich das Unternehmen streng am Cradle-to-Cradle-Prinzip (C2C). Dabei geht es um einen vollständig durchdachten Produktlebenszyklus – vom Rohstoff über die Nutzung bis hin zum sortenreinen Rückbau am Ende der Lebensdauer der Immobilie.
Schels warnt jedoch vor einer blinden Kreislaufführung, bei der minderwertige oder giftige Altlasten recycelt werden. Für RATISBONA steht die Materialgesundheit an oberster Stelle:
Im Bereich der Bestandsentwicklung und Revitalisierung älterer Märkte setzt sich das Team intensiv dafür ein, bestehende Bausubstanz zu erhalten, anstatt voreilig abzureißen – eine Aufgabe, die oft intensive Überzeugungsarbeit bei den kaufmännisch geprägten Entscheidern des Handels erfordert.
Um das über Jahre mühsam aufgebaute Praxiswissen im Bereich des Cradle-to-Cradle-Bauens nicht nur für sich selbst zu nutzen, gründete Sebastian Schels gemeinsam mit einem Geschäftspartner die Beratungsgesellschaft RATISBONA Loop Consult.
Das Beratungsunternehmen hilft Investoren, Projektentwicklern und der öffentlichen Hand dabei, ökologische Leuchtturm-Projekte wirtschaftlich umzusetzen. Dass dieses Know-how branchenübergreifend funktioniert, beweist das erste Großprojekt der Gesellschaft:
Ein weiteres Herzensprojekt von Sebastian Schels und seiner Frau ist die gemeinnützige Stiftung „Märkte fürs Leben“, die Ende 2024 ins Leben gerufen wurde. Die Stiftung verfolgt das Ziel, Lebensmittelmärkte gesellschaftlich und architektonisch völlig neu zu denken.
Lebensmittelmärkte sollen sich von reinen, sterilen Konsumtempeln zurück zu echten Orten der Begegnung entwickeln – ähnlich den antiken Marktplätzen wie der griechischen Agora oder dem Forum Romanum:
Obwohl diese Vision für manche rein profitorientierte Marktteilnehmer noch abstrakt klingen mag, treibt das positive Feedback und das enorme Potenzial des sozialen Wandels das Stifterpaar kontinuierlich an.
Die Bau- und Immobilienbranche leidet unter einem massiven Produktivitätsrückstand und verharrt allzu oft in alten Denkmustern. Sebastian Schels fordert daher einen radikalen Aufbruch und mehr Mut zur Innovation von allen Akteuren.
„Bau steht für Business as Usual. Wer im Baubereich auf Innovation setzt, dem gehört die Zukunft.“ — Sebastian Schels
In den letzten Jahrzehnten hat sich die Produktivität im Bausektor kaum verbessert. Die Zukunft gehört laut Schels denjenigen, die bereit sind, veraltete Standards konsequent zu hinterfragen, Prozesse radikal zu vereinfachen und das Bauen endlich schneller, günstiger und nachhaltiger zu machen.
Sebastian Schels ist geschäftsführender Gesellschafter von RATISBONA Handelsimmobilien, Mitgründer der Ratisbona Loop Consult und Mitstifter der Stiftung Märkte fürs Leben.
Das Unternehmen entwickelt und realisiert nachhaltige Lebensmittelmärkte für Ketten wie Netto, Edeka, Rewe, Aldi und Lidl und veräußert diese nach Fertigstellung an Investoren.
Durch konsequente Standardisierung, den Einsatz regionaler, CO2-armer Baustoffe und den Verzicht auf künstliche Preisaufschläge von Herstellern für grüne Produkte.
Sie spart erhebliche Mengen an CO2 und verkürzt die Bauzeit massiv, da nach der Errichtung durch den Zimmerer die Folgegewerke wie Elektriker sofort starten können.
Es bedeutet, Gebäude so zu planen und zu bauen, dass alle Materialien nach dem Ende des Lebenszyklus sortenrein getrennt, demontiert und schadstofffrei wiederverwendet werden können.
Es wird ökologische Zellulosedämmung aus recyceltem Zeitungspapier eingeblasen. Dies ist ein schadstofffreier Abfallstoff, der keine aufwendige chemische Aufbereitung benötigt.
Eine spezialisierte Beratungsgesellschaft, die das Cradle-to-Cradle- und Nachhaltigkeits-Know-how von RATISBONA an externe Akteure für Logistik-, Wohn- oder Gewerbeprojekte weitergibt.
Sie berät unter anderem den Bau eines Amazon-Logistikzentrums in der Nähe von Regensburg, das als Vorzeigeobjekt nach strengen Cradle-to-Cradle-Kriterien realisiert wird.
Die Stiftung will Supermärkte als Orte der Begegnung und der sozialen Transformation neu beleben, angelehnt an die Funktion antiker Marktplätze wie der Agora.
Weil die Baubranche traditionell Innovationen scheut und die Produktivität seit den 1990er-Jahren gesunken ist. Schels fordert, diesen ineffizienten Status quo konsequent aufzubrechen.
Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.