
Prof. Dr. Markus Ortmann erklärt, wie KI, Modulbau und digitale Tools wie PROBIS die fehleranfällige Excel-Wüste in der Baubranche ablösen.
Markus Ortmann blickt auf eine tiefe Verwurzelung in der Bauwelt zurück. Als Sohn eines Architekten sammelte er bereits in jungen Jahren erste praktische Erfahrungen am Zeichentisch und mit den ersten CAD-Programmen. Diese frühe Prägung weckte seine Faszination für das Erschaffen bleibender Werte im Raum, führte ihn jedoch zunächst auf einen anderen Pfad.
Nach einem Abstecher in die digitale Startup-Welt und der Gründung eines Company-Builders kehrte er vor einigen Jahren mit neuem Fokus in die Immobilienbranche zurück. Sein Ziel war und ist es, die verkrusteten und analogen Strukturen der Bauwirtschaft durch innovative Technologie und digitale Geschäftsmodelle grundlegend zu verändern.
Ein zentrales Problem moderner Bauvorhaben liegt in ihrer Steuerung. Viele Großprojekte im Wert von Hunderten Millionen Euro werden auch heute noch über komplexe, manuelle Excel-Tabellen koordiniert. Mit steigender Anzahl an Projektbeteiligten und einer jahrelangen Laufzeit schleichen sich in diese Tabellen unweigerlich Fehler ein, die verheerende finanzielle Folgen haben können.
Hier setzt das von Ortmann mitgegründete Startup PROBIS an. Die Plattform digitalisiert das gesamte Controlling und bündelt alle relevanten Datenströme an einem zentralen Ort.
Echtzeit-Aggregation: Alle Daten von Baufirmen, Planern und Behörden fließen in einer einzigen Plattform zusammen.
Vorausschauende Prognosen: Durch sogenannte Predictions können Projektentwickler frühzeitig erkennen, ob Budgets oder Zeitpläne aus dem Ruder laufen.
Plattformübergreifende Standardisierung: Das System ermöglicht es, komplexe Kalkulationen über verschiedene Länder und rechtliche Rahmenbedingungen hinweg einheitlich zu steuern.
„Wer sich jetzt nicht mit KI, Automatisierung und neuen Prozessen beschäftigt, wird in wenigen Jahren einfach abgehängt.“ — Markus Ortmann
Die deutsche Bauwirtschaft ächzt unter einer beispiellosen Regulierungswelle. In den letzten zehn Jahren hat sich die Anzahl der relevanten Bauvorschriften in Deutschland von etwa 20.000 auf über 50.000 mehr als verdoppelt. Dieser bürokratische Mehraufwand führt zu einer enormen Dokumentationspflicht, die wertvolle Ressourcen bindet und das Bauen drastisch verteuert.
Ortmann sieht in dieser Entwicklung jedoch auch eine Chance für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Da der Großteil der bürokratischen Arbeit aus dem Prüfen und Erstellen von Texten und Nachweisen besteht, ist sie prädestiniert für den Einsatz von Large Language Models (LLMs) wie ChatGPT.
Automatisierte Vorprüfung: KI-Systeme können Bauanträge und Verträge in Sekundenschnelle auf Konformität mit lokalen Vorschriften prüfen.
Reduzierter Personalaufwand: Durch die digitale Entlastung können sich Fachkräfte wieder auf wertschöpfende Tätigkeiten konzentrieren.
Schnellere Genehmigungsverfahren: Behörden und Planer erhalten durch standardisierte Prüfprozesse eine erhebliche Beschleunigung ihrer Abläufe.
In den vergangenen Jahren galt Building Information Modeling (BIM) als das Allheilmittel für die Digitalisierung am Bau. Markus Ortmann positioniert sich hier jedoch überraschend pragmatisch. Während BIM bei hochkomplexen Industrieanlagen, Flughäfen oder Chemiewerken unerlässlich ist, stellt es für den Großteil des klassischen Hochbaus oft eine unnötige Hürde dar.
„Die Ägypter haben auch komplexe Sachen gebaut, also die Römer auch, ohne ein BIM-Modell.“ — Markus Ortmann
Für den Großteil der Bauvorhaben reicht eine strukturierte, einfache Datenhaltung vollkommen aus. Anstatt komplexe 3D-Modelle zu erzwingen, die auf der Baustelle ohnehin kaum genutzt werden, sollte der Fokus auf fehlerfreien Daten und klaren Zuständigkeiten liegen. Ein digitaler Plan im 2D-Format, der verlässlich aktualisiert wird, ist in der Praxis oft wertvoller als ein überfrachtetes BIM-Modell.
Der anhaltende Fachkräftemangel zwingt die Baubranche zu radikalen Produktivitätssteigerungen. Zwei Schlüsseltechnologien spielen dabei eine entscheidende Rolle: die industrielle Vorfertigung und der Einsatz von Robotik. Die Baustelle der Zukunft wird sich zunehmend von einer handwerklichen Produktionsstätte zu einem Montageplatz für standardisierte Module entwickeln.
Modulbauweise: Ganze Raummodule inklusive aller technischen Gebäudeausstattungen wie Heizung, Lüftung und Elektroinstallationen werden unter kontrollierten Bedingungen in Fabriken hergestellt.
Plug-and-Play-Montage: Vor Ort müssen die Elemente nur noch zusammengesetzt und angeschlossen werden, was die Bauzeit drastisch verkürzt.
Robotergestützte Prozesse: Präzise arbeitende Maschinen, wie beispielsweise autonome Bohrwagen von Hilti, übernehmen schwere und repetitive Aufgaben direkt auf der Baustelle.
Diese Standardisierung ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Robotersysteme überhaupt erst sinnvoll agieren können, da sie für ihre Arbeit programmierte, verlässliche Strukturen benötigen.
Durch den rasanten Einzug generativer KI-Systeme verändert sich das klassische Berufsbild in der Planung grundlegend. Routinetätigkeiten wie statische Berechnungen, thermische Simulationen oder die Erstellung von Standard-Ausführungsplänen können in Zukunft per Knopfdruck erledigt werden. Das bedeutet jedoch keineswegs das Ende der Planungsberufe.
Vielmehr verschiebt sich die Wertschöpfung hin zur strategischen Beratung und zum kreativen Entwurf. Der Planer der Zukunft fungiert als Dirigent hochentwickelter KI-Engines.
Generatives Design: Planungssoftware schlägt basierend auf Parametern wie Grundstücksgröße, Budget und Baurecht Hunderte optimierte Entwurfs- und Statikvarianten vor.
Fokus auf Kreativität: Architekten gewinnen wertvolle Zeit zurück, um sich auf das Design, die Ästhetik und die Nutzbarkeit von Gebäuden zu konzentrieren.
Qualitätssicherung: Erfahrene Senior-Experten werden dringender denn je gebraucht, um die von der KI generierten Ergebnisse zu prüfen und freizugeben.
Zum Abschluss richtet Markus Ortmann einen dringenden Appell an alle Akteure der Immobilienbranche. Der technologische Wandel vollzieht sich in einer exponentiellen Geschwindigkeit. Wer jetzt zögert und auf altbewährte, analoge Prozesse beharrt, wird in den kommenden Jahren unweigerlich den Anschluss an den Markt verlieren.
„Probiert die neuen Sachen aus. Also der, der noch nicht mit ChatGPT und den ganzen Sachen seine Arbeit erleichtert hat, ausprobieren.“ — Markus Ortmann
Es gilt, die Scheu vor neuen Technologien abzulegen und Tools wie ChatGPT oder spezialisierte Branchensoftware aktiv in den Arbeitsalltag zu integrieren. Nur wer heute lernt, diese Werkzeuge effizient zu nutzen, wird auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleiben und nachhaltige, kosteneffiziente Bauprojekte realisieren können.
PROBIS ersetzt unübersichtliche Excel-Dateien durch eine strukturierte, plattformübergreifende Lösung. Die Software aggregiert Projektdaten in Echtzeit und liefert vorausschauende Prognosen, um Kostenüberschreitungen frühzeitig abzuwenden.
Excel-Dateien wachsen mit der Projektgröße und der Anzahl der Stakeholder organisch an. Dadurch schleichen sich unbemerkt Formelfehler und veraltete Datenstände ein, was bei Millionenprojekten zu fatalen finanziellen Fehlentscheidungen führt.
Markus Ortmann sieht BIM pragmatisch: Für hochkomplexe Spezialbauten wie Flughäfen oder Chemiewerken ist es sinnvoll. Für 90 bis 95 Prozent des Standard-Wohnungsbaus ist es jedoch oft zu komplex und teuer, da dort einfachere, bewährte Methoden ausreichen.
Der kreative Prozess und die finale Qualitätskontrolle durch erfahrene Experten bleiben bestehen. Die zeitintensive Detailarbeit, wie die statische Auslegung oder die Erstellung von Zeichnungen, wird künftig durch KI-gestützte Systeme in Sekundenschnelle erledigt.
Dabei werden standardisierte Bauteile und ganze Module (inklusive Heizungs-, Lüftungs- und Elektroinstallationen) industriell im Werk vorgefertigt und auf der Baustelle per Plug-and-Play montiert. Dies spart Zeit, minimiert Fehler und ermöglicht den Einsatz von Baustellenelektronik.
Roboter benötigen präzise, digitale 3D-Modelle zur Navigation und Ausführung, wie etwa Hiltis Bohrwagen. Je stärker standardisiert und modularisiert gebaut wird, desto effizienter können Roboter wiederkehrende, schwere Arbeiten übernehmen.
In den letzten zehn Jahren ist die Anzahl der Bauvorschriften in Deutschland von etwa 20.000 auf rund 50.000 gestiegen. Dieser immense Papiertiger lässt sich laut Markus Ortmann künftig nur noch mit Hilfe von KI-gestützten Prüf- und Verwaltungssystemen effizient bewältigen.
Ophetio entstand aus dem Wunsch, sterile und unflexible Büroflächen dynamischer zu gestalten. Das Konzept setzte auf variable Module, um Räume an die sich ständig ändernden Anforderungen moderner Arbeitswelten anzupassen.
Die Baubranche gilt traditionell als konservativ und fragmentiert. Viele Prozesse laufen über Jahre hinweg analog oder in isolierten Systemen ab, was den Datenaustausch und die Etablierung moderner Softwarelösungen massiv erschwert.
Er rät dringend dazu, im Alltag einfach mit Tools wie ChatGPT zu starten und neue Technologien spielerisch auszuprobieren. Wer sich jetzt verschließt, wird innerhalb weniger Jahre den Anschluss an den Markt verlieren.
Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.