Sind DIN-Normen Gesetze? Dr. Peter Burnickl klärt über teure Irrtümer auf und zeigt, wie du beim Bauen durch kluge Planung Baukosten sparst.
Im deutschen Bau- und Immobilienwesen bewegen sich Architekten, Ingenieure und ausführende Handwerker fast ausschließlich im Rahmen des strengen Werkvertragsrechts. Dieses Rechtssystem sieht eine gesamtschuldnerische Haftung aller Beteiligten vor, was das Sicherheitsbedürfnis der am Bau tätigen Akteure extrem verstärkt und zu risikominimierendem Verhalten führt. Aus Angst vor späteren Mängelansprüchen und den damit verbundenen finanziellen Risiken neigen Planer und Handwerker dazu, vertragliche Anforderungen übertrieben sicher umzusetzen.
In den meisten Architekten-, Ingenieur- und Bauverträgen findet sich standardmäßig die Klausel, dass alle geltenden Normen, Richtlinien und die allgemein anerkannten Regeln der Technik einzuhalten sind. Da es allein im deutschen Bauwesen rund 7.300 verschiedene Normen und Richtlinien gibt, verliert hier selbst der erfahrenste Profi im Alltag schnell den Überblick. Das führt fast zwangsläufig dazu, dass Verträge unterschrieben werden, deren genauen technischen Inhalt im Detail niemand vollständig überblicken kann.
„Nicht jede Norm ist Pflicht. Aber jede blinde Übererfüllung ist teuer.“ — Peter Burnickl
Da kein Mensch alle 7.300 existierenden Normen und Richtlinien auswendig kennen kann, führt diese Intransparenz in der Praxis zu einer systematischen Übererfüllung von Standards. Aus reinem Selbstschutz tendieren alle Projektbeteiligten dazu, Sicherheitsreserven aufzuschlagen und im Zweifelsfall lieber großzügiger zu planen. Das bekannteste Beispiel hierfür ist das sogenannte Angsteisen in der Statik, bei dem deutlich mehr Stahl verbaut wird, als physikalisch und rechnerisch eigentlich notwendig wäre.
Dieses Phänomen der künstlichen Verteuerung beginnt jedoch weit vor der eigentlichen Baustelle, nämlich bereits bei der genutzten Planungs- und Berechnungssoftware der Ingenieure:
Eine der am weitesten verbreiteten und teuersten Fehlannahmen in der gesamten Immobilienbranche ist, dass DIN-Normen automatisch Gesetze sind. Dies ist de jure falsch, denn Normen sind zunächst einmal private technische Regelwerke mit reinem Empfehlungscharakter, die von Verbänden oder Instituten herausgegeben werden. Gesetzliche Bindung erlangen sie erst unter ganz bestimmten, klar definierten Voraussetzungen, die Bauherren genau kennen sollten.
Verpflichtend werden Normen und Richtlinien für Bauherren und Planer nur in den folgenden drei Szenarien:
Der Baurechtschaffungsprozess birgt erhebliche rechtliche und finanzielle Risiken für Bauherren, insbesondere wenn komplexe Sonderbauten realisiert werden sollen. Im Brandschutzkonzept oder bei der Definition von Abweichungen im Bauantrag werden häufig voreilig Verweise auf extrem strenge Normen integriert, um eine Genehmigung durch die Behörden zu beschleunigen. Sobald die Baugenehmigung mit diesen Verweisen erteilt wird, sind die genannten Normen jedoch rechtlich bindend und müssen zwingend umgesetzt werden.
„Die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Normen und Richtlinien verletzt, ist relativ hoch.“ — Peter Burnickl
Wer an dieser Stelle unüberlegt Zugeständnisse an die Behörden macht, verbaut sich wertvolle Optimierungspotenziale in der späteren Ausführungsphase des Projekts. Nachträgliche Änderungen am bereits genehmigten Konzept sind zwar theoretisch möglich, erfordern jedoch einen enormen bürokratischen Aufwand sowie die erneute Einbindung von Architekten, Ingenieuren und spezialisierten Baurechtsanwälten.
Besondere Vorsicht ist für Bauträger, Generalunternehmer (GU) und Projektentwickler geboten, die Wohnungen oder Gewerbeobjekte errichten und diese vor oder während der Bauphase an Dritte veräußern. In fast 90 Prozent aller Bauträgerverträge nach der Makler- und Bauträgerverordnung (MABV) steht die pauschale Zusage, nach "allen gültigen Normen und Richtlinien" zu bauen. Diese Formulierung ist ein massives Haftungsrisiko, da sie auch völlig praxisferne oder wirtschaftlich unsinnige Standards einschließt.
Zusätzlich greift in diesen Fällen die strenge Prospekthaftung, die sich aus Marketingunterlagen, Broschüren und Visualisierungen ergibt. Sobald Abweichungen von den versprochenen Standards auftreten, können Käufer teure Mängelbeseitigungen oder erhebliche Wertminderungen einfordern. Dies gilt insbesondere dann, wenn sich die allgemein anerkannten Regeln der Technik schneller weiterentwickeln als die geschriebenen DIN-Normen und es zu Widersprüchen kommt.
Die Lösung für dieses Dilemma liegt in einer sauberen vertraglichen Strukturierung und dem Mut, von unnötigen Standards kontrolliert abzuweichen. Bauherren müssen aktiv das Heft des Handelns in die Hand nehmen und mit ihren Planern gezielte Freistellungen vereinbaren. Das bedeutet, dass der Planer schriftlich von der Haftung befreit wird, wenn er auf ausdrücklichen Wunsch des Bauherrn eine kostengünstigere, aber qualitativ gleichwertige Lösung außerhalb der starren DIN-Vorgaben umsetzt.
„Ich bin überzeugt, ich bekomme bei jedem Bauvorhaben 10% Kostenreduktion realisiert, weil genau diese Dinge nicht beachtet werden.“ — Peter Burnickl
Diese enormen Einsparpotenziale lassen sich durch ein klar strukturiertes Vorgehen in der Praxis realisieren:
Um beim Bauen nicht in die teure Kostenfalle der Übererfüllung zu tappen, müssen Bauherren bereits vor der Beauftragung das richtige vertragliche "Setup" wählen. Das bedeutet, Standardverträge von Architekten und GUs nicht blind zu unterschreiben, sondern jede Klausel zu technischen Standards kritisch zu hinterfragen. Ein exzellentes Netzwerk aus erfahrenen Ingenieuren und spezialisierten Baurechtsanwälten schützt dabei vor unliebsamen Überraschungen und sichert die Wirtschaftlichkeit des gesamten Projekts.
Wer noch tiefer in diese Materie einsteigen möchte, kann sich zudem wertvolle kostenlose Fachliteratur sichern. Das E-Book „Bauwesen“ von Jürgen Lauber vermittelt die Mechanismen von Bauprojekten auf humorvolle Weise anhand von über 50 Cartoons. Für das persönliche Zeit- und Projektmanagement steht außerdem das Werk „Professionelle persönliche Planung und Selbstmanagement“ desselben Autors zur Verfügung. Beide Ratgeber unterstützen Bauherren und Investoren dabei, kluge Entscheidungen im stressigen Baualltag zu treffen und unnötige Kostenexplosionen effektiv zu vermeiden.
Nein, DIN-Normen sind private technische Regelwerke mit Empfehlungscharakter. Sie werden erst dann rechtlich bindend, wenn sie in Gesetzen zitiert, im Bauvertrag vereinbart oder Teil einer Baugenehmigung sind.
Aufgrund des Werkvertragsrechts und der gesamtschuldnerischen Haftung herrscht große Angst vor Mängeln. Um Haftungsrisiken zu minimieren, tendieren Planer dazu, Standards systematisch überzuerfüllen.
Damit bezeichnet man den Einbau von deutlich mehr Bewehrungsstahl in Betonbauteile, als statisch eigentlich notwendig wäre, um rechnerische Unsicherheiten der Planungssoftware oder Haftungsängste abzufedern.
Es gibt allein in der deutschen Bau- und Immobilienbranche ungefähr 7.300 verschiedene Normen und Richtlinien.
Softwareanbieter sichern sich gegen Haftungsansprüche ab, indem ihre Programme Ergebnisse bei Berechnungen (z. B. für Heizungsanlagen) systematisch aufrunden, um eine Unterdimensionierung zu verhindern.
Dieser Satz verpflichtet den Auftragnehmer zur Einhaltung aller rund 7.300 Normen. Da dies praktisch unmöglich fehlerfrei umsetzbar ist, entstehen enorme Haftungsrisiken und unnötige Kosten durch Übererfüllung.
Bauherren können mit Planern und Handwerkern schriftliche Haftungsfreistellungen vereinbaren. Dadurch wird der Planer von der Haftung befreit, wenn er auf Wunsch des Bauherrn eine alternative, wirtschaftlichere Lösung umsetzt.
Die allgemein anerkannten Regeln der Technik entwickeln sich oft schneller als starre DIN-Normen. Im Streitfall sind meist die aktuelleren anerkannten Regeln der Technik maßgeblich, weshalb Verträge hier präzise formuliert sein müssen.
Bauträger haften stark für pauschale Qualitätsversprechen in Verträgen und Prospekten. Abweichungen von vereinbarten Normen können zu teuren Mängelbeseitigungsansprüchen oder Wertminderungen durch die Käufer führen.
Durch ein kluges vertragliches Setup, präzise Bedarfsanalysen und gezielte Abweichungen von reinen Empfehlungsnormen lassen sich laut Dr. Peter Burnickl rund 10 Prozent der gesamten Baukosten einsparen.
Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.