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    Real Estate Lounge · 20. Juli 2024

    Insolvenz überwinden: Ludwig von Busse über den Neustart

    20. Juli 2024 85 Min. 4 Min. Lesezeit
    Aufstieg, Insolvenz und Reboot – Ludwig von Busse erzählt, wie man nach der Pleite wieder aufsteht

    Kapitel

    Das Wichtigste in Kürze

    • Eine Insolvenz kündigt sich schleichend an und belastet Gründer emotional sowie familiär weit vor dem eigentlichen Insolvenzantrag.
    • Im Venture-Capital-Modell steht oft die Skalierung und Maximierung des Unternehmenswerts über der schnellen Profitabilität.
    • Die dreimonatige vorläufige Insolvenz bietet deutschem Recht verdankt wertvolle Luft für eine Restrukturierung durch die Übernahme der Löhne.
    • Ein systematisches M&A-Verfahren ermöglicht es, profitable Kernbereiche eines scheiternden Startups zu retten und neu zu starten.
    • Die Immobilienbranche muss administrative Prozesse und technische Gewerke im Bestand standardisieren, um Kosten effektiv zu senken.
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    Wie meistert man eine Insolvenz? Ludwig von Busse teilt seine emotionalen Learnings vom PropTech-Absturz bis zum erfolgreichen Reboot.

    Das emotionale Gewicht einer drohenden Insolvenz

    Eine Insolvenz ist kein plötzlicher Knall, sondern ein schleichender Prozess, der Gründer weit vor dem eigentlichen Gang zum Amtsgericht emotional an den Rand der Belastbarkeit bringt. Wenn Finanzierungsalternativen wegbrechen und der Handlungsspielraum schrumpft, entstehen immense Sorgen, die nicht nur das Kernteam, sondern auch die eigene Familie stark belasten.

    Gründer müssen in dieser Phase lernen, trotz der extremen Anspannung nicht wegzuducken, sondern die Realität aktiv anzunehmen. Der emotionale Druck verteilt sich auf viele Schultern, da völlig unterschiedliche Interessen von Mitarbeitern, Gesellschaftern und Kunden gleichzeitig moderiert werden müssen.

    „Insolvenz ist hoch emotional, weil es ganz unterschiedliche Stakeholder gibt – man hat die Mitarbeiter, Gesellschafter, Kunden und sich selbst.“ — Ludwig von Busse

    Vom klassischen Konzernvertrieb zur mutigen Gründung

    Ludwig von Busses Karriere begann nach einem internationalen Studium an der renommierten ESCP Europe unkonventionell im Vertrieb des Aufzugsriesen OTIS. Dort lernte er die oft unterschätzte Relevanz von Aufzügen als Lebensader moderner Gebäudeinfrastruktur kennen.

    • Unerwartete Ausbildung: Ohne technisches Vorwissen eignete sich von Busse das Wissen über Aufzugsanlagen direkt im harten Austausch mit erfahrenen Montagemeistern an.

    • Marktpotenzial: Keine Skyline, kein komplexer Produktionsprozess und kein Wohngebäude funktioniert ohne vertikale Mobilität, was Aufzüge zu einer der wichtigsten Anlagenklassen einer Immobilie macht.

    • Branchen-Insights: Der Markt teilt sich in vier globale Konzerne und hunderte regionale Mittelständler auf, was eine hohe Intransparenz bezüglich Preisen und Leistungen schafft.

    Die Geburtsstunde eines PropTechs: Datenlöcher bei Aufzügen stopfen

    Zusammen mit zwei Mitgründern entstand 2013 die Idee für Simplifar, ein PropTech, das als digitaler Facharzt für Aufzüge fungieren sollte. Der Kern des Geschäftsmodells lag darin, Licht in das Dunkel von Instandhaltungsdaten und unübersichtlichen Verträgen zu bringen.

    • Datenchaos beenden: Viele Bestandshalter wissen nicht einmal genau, wie viele Aufzüge sie besitzen oder wo diese sich exakt befinden.

    • Mangelhafte Historie: Ohne eine digitale Patientenakte für Aufzugsanlagen wird jede notwendige Reparatur zu einem zeit- und kostenintensiven Suchprozess.

    • Lebenszyklus-Problem: Von den rund 800.000 Aufzügen in Deutschland sind über die Hälfte älter als 30 Jahre und benötigen dringend ein intelligentes Monitoring.

    Das zweischneidige Schwert des Venture Capital

    Um die Vision einer autarken Smartwatch für Aufzüge zu finanzieren, stieg Simplifar 2017 tief in das Spiel von Venture Capital ein. Mit Investoren wie PropTechOne und BitStone an Bord änderte sich die Dynamik von einer organischen Entwicklung hin zu aggressivem Wachstum.

    Im VC-Modell steht der kontinuierliche Aufbau des Unternehmenswerts durch Skalierung und Umsatzsteigerung primär im Fokus, während die absolute Profitabilität vertagt wird. Dieser hohe Druck zwingt Gründer dazu, kontinuierlich von Finanzierungsrunde zu Finanzierungsrunde zu eilen und sich oft auf Neukunden-Features zu fokussieren, statt den Bestand ausreichend zu pflegen.

    „Solange du noch fünf Millionen brauchst, bist du noch nicht profitabel.“ — Ludwig von Busse

    Wenn makroökonomische Krisen die Planung zerstören

    Als das Produkt voll marktreif war, traf eine Serie exogener Schocks das Unternehmen und den gesamten Immobiliensektor mit voller Wucht. Die Kombination aus globalen Krisen veränderte das Verhalten von Investoren und Kunden fundamental und entzog der bisherigen Wachstumsplanung den Boden.

    • Corona-Verzögerungen: Der persönliche Vertrieb auf Branchen-Events brach komplett weg, während Kunden ihre Büros schlossen und operative Entscheidungen gänzlich vertagten.

    • Zinswende: Steigende Zinsen beendeten den transaktionsgetriebenen Immobilienboom der letzten 15 Jahre abrupt.

    • Investitionsstopps im Markt: Große Pleiten wie die Insolvenz der Signa-Gruppe erzeugten Schockwellen, die Bestandshalter zur extremen Liquiditätssicherung zwangen.

    In Zeiten des billigen Geldes war Instandhaltung für viele Asset Manager zweitrangig, da Gewinne primär durch schnelle Wertsteigerungen und Verkäufe erzielt wurden.

    „In einer Phase, wo ich über Transaktionen Geld mache, muss ich wirklich wenig in ein Gebäude investieren.“ — Ludwig von Busse

    Der geordnete Gang in die vorläufige Insolvenz

    Nachdem eine entscheidende Finanzierungsrunde aufgrund der Marktlage platzte, war der Gang zum Insolvenzrichter unvermeidbar. Doch die Eröffnung des vorläufigen Verfahrens brachte auch eine unerwartete Entlastung und strukturelle Klarheit für das Management-Team.

    Dank des deutschen Insolvenzrechts bot sich eine dreimonatige Atempause, in der die Bundesagentur für Arbeit die Gehälter übernahm und Raum für Restrukturierung schaffte. Der operative Betrieb wurde stabilisiert, und ein strukturierter M&A-Prozess ermöglichte die Suche nach neuen Trägern für das Technologieunternehmen.

    Phönix aus der Asche: Der Reboot als Elevonik

    Aus der Insolvenz von Simplifar ging schließlich die neue Elevonik GmbH hervor, die durch ein schnelles Bieterverfahren erfolgreich gerettet wurde. Ein Konsortium von Bestandsinvestoren kaufte den profitablen, operativen Kern des Geschäftsbetriebs aus der Insolvenzmasse heraus.

    • Trennung vom Ballast: Die forschungs- und kapitalintensive Entwicklung eigener physischer Sensoren wurde im Zuge des Reboots gestoppt.

    • Fokus auf den Kern: Elevonik konzentriert sich nun rein auf das profitable Softwaregeschäft und die bewährte Datenplattform Simplisoft.

    • Drastisches Downsizing: Das Team schrumpfte von ehemals über 80 Mitarbeitern auf nun 14 Experten, um eine schlanke und profitable Struktur zu garantieren.

    Kerninsights für die Zukunft der Immobilienwirtschaft

    Ludwig von Busses wichtigste Learnings betreffen sowohl das eigene Führungsmanagement als auch den generellen Mindset-Wandel in der eher konservativen Immobilienbranche. Nur durch ehrliche Fehleranalyse lassen sich zukünftige Krisen im harten Marktumfeld erfolgreich bewältigen.

    • Fokus auf Bestandskunden: PropTechs müssen lernen, sich intensiver um die Zufriedenheit und saubere Implementierung bei Bestandskunden zu kümmern, statt nur neuen Features hinterherzulaufen.

    • Strukturen etablieren: Frühzeitige Investitionen in erfahrene Fachkräfte bringen die nötige operative Gelassenheit und standardisierte Prozesse ins rasant wachsende Startup.

    • Standardisierung forcieren: Die Immobilienbranche muss administrative Abläufe endlich vereinheitlichen, anstatt jedes Gebäude fälschlicherweise als unantastbares Unikat zu behandeln.

    Häufige Fragen

    Wer ist Ludwig von Busse?

    Ludwig von Busse ist ein erfahrener Unternehmer und Co-Gründer von ehemals Simplifar, der heute als Geschäftsführer der nachfolgenden Elevonik GmbH tätig ist.

    Was war die Kernidee von Simplifar?

    Simplifar digitalisierte Aufzüge mithilfe von nachrüstbaren Sensoren, die Vitalwerte und historische Daten auf einer Salesforce-basierten Plattform für Betreiber übersichtlich bündelten.

    Wie viele Aufzüge gibt es in Deutschland und wie alt sind diese?

    In Deutschland gibt es rund 800.000 Aufzüge, von denen etwa 450.000 älter als 30 Jahre sind und am Ende ihres Lebenszyklus stehen.

    Warum investierten Immobilienbetreiber jahrelang kaum in Betriebsoptimierungen?

    In Zeiten niedriger Zinsen und hoher Transaktionsvolumen stiegen Immobilienwerte von allein, was den Fokus von mühsamer Instandhaltung auf profitable An- und Verkäufe lenkte.

    Wie viel Kapital sammelte Simplifar vor der Insolvenz ein?

    Das Unternehmen sammelte über zehn Jahre hinweg insgesamt rund 16 Millionen Euro an Risikokapital von bekannten VCs wie PropTechOne und BitStone ein.

    Was führte letztendlich zur Insolvenz von Simplifar?

    Ein Zusammenspiel aus Corona-Verzögerungen, der Zinswende, geopolitischen Krisen und dem Zusammenbrechen des Transaktionsmarktes (wie die Benko-Insolvenz) ließ geplante Finanzierungsrunden platzen.

    Wie funktioniert das deutsche System der vorläufigen Insolvenz?

    In der vorläufigen Phase übernimmt die Bundesagentur für Arbeit für maximal drei Monate die Gehälter der Mitarbeiter (Insolvenzgeld), was dem Unternehmen Liquidität für Sanierungsverhandlungen verschafft.

    Wie lief der M&A-Prozess während der Insolvenz ab?

    Ein spezialisierter M&A-Berater sprach innerhalb von drei Monaten 120 potenzielle Bieter an, woraus sich letztlich ein erfolgreiches Konsortium aus Bestandsinvestoren formierte.

    Was ist der Unterschied zwischen Simplifar und dem Nachfolger Elevonik?

    Elevonik kaufte nur den operativ profitablen Kern von Simplifar heraus. Die forschungsintensive und verlustreiche Sensor-Hardwareentwicklung wurde im Zuge des Reboots eingestellt.

    Welche wesentlichen Fehler machte Ludwig von Busse als Gründer?

    Er fokussierte sich zu stark auf ständige Produkt- und Feature-Innovationen für neue Finanzierungsrunden, während das Onboarding und die Pflege von Bestandskunden vernachlässigt wurden.

    Transkript

    Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.