
Wie meistert man eine Insolvenz? Ludwig von Busse teilt seine emotionalen Learnings vom PropTech-Absturz bis zum erfolgreichen Reboot.
Eine Insolvenz ist kein plötzlicher Knall, sondern ein schleichender Prozess, der Gründer weit vor dem eigentlichen Gang zum Amtsgericht emotional an den Rand der Belastbarkeit bringt. Wenn Finanzierungsalternativen wegbrechen und der Handlungsspielraum schrumpft, entstehen immense Sorgen, die nicht nur das Kernteam, sondern auch die eigene Familie stark belasten.
Gründer müssen in dieser Phase lernen, trotz der extremen Anspannung nicht wegzuducken, sondern die Realität aktiv anzunehmen. Der emotionale Druck verteilt sich auf viele Schultern, da völlig unterschiedliche Interessen von Mitarbeitern, Gesellschaftern und Kunden gleichzeitig moderiert werden müssen.
„Insolvenz ist hoch emotional, weil es ganz unterschiedliche Stakeholder gibt – man hat die Mitarbeiter, Gesellschafter, Kunden und sich selbst.“ — Ludwig von Busse
Ludwig von Busses Karriere begann nach einem internationalen Studium an der renommierten ESCP Europe unkonventionell im Vertrieb des Aufzugsriesen OTIS. Dort lernte er die oft unterschätzte Relevanz von Aufzügen als Lebensader moderner Gebäudeinfrastruktur kennen.
Unerwartete Ausbildung: Ohne technisches Vorwissen eignete sich von Busse das Wissen über Aufzugsanlagen direkt im harten Austausch mit erfahrenen Montagemeistern an.
Marktpotenzial: Keine Skyline, kein komplexer Produktionsprozess und kein Wohngebäude funktioniert ohne vertikale Mobilität, was Aufzüge zu einer der wichtigsten Anlagenklassen einer Immobilie macht.
Branchen-Insights: Der Markt teilt sich in vier globale Konzerne und hunderte regionale Mittelständler auf, was eine hohe Intransparenz bezüglich Preisen und Leistungen schafft.
Zusammen mit zwei Mitgründern entstand 2013 die Idee für Simplifar, ein PropTech, das als digitaler Facharzt für Aufzüge fungieren sollte. Der Kern des Geschäftsmodells lag darin, Licht in das Dunkel von Instandhaltungsdaten und unübersichtlichen Verträgen zu bringen.
Datenchaos beenden: Viele Bestandshalter wissen nicht einmal genau, wie viele Aufzüge sie besitzen oder wo diese sich exakt befinden.
Mangelhafte Historie: Ohne eine digitale Patientenakte für Aufzugsanlagen wird jede notwendige Reparatur zu einem zeit- und kostenintensiven Suchprozess.
Lebenszyklus-Problem: Von den rund 800.000 Aufzügen in Deutschland sind über die Hälfte älter als 30 Jahre und benötigen dringend ein intelligentes Monitoring.
Um die Vision einer autarken Smartwatch für Aufzüge zu finanzieren, stieg Simplifar 2017 tief in das Spiel von Venture Capital ein. Mit Investoren wie PropTechOne und BitStone an Bord änderte sich die Dynamik von einer organischen Entwicklung hin zu aggressivem Wachstum.
Im VC-Modell steht der kontinuierliche Aufbau des Unternehmenswerts durch Skalierung und Umsatzsteigerung primär im Fokus, während die absolute Profitabilität vertagt wird. Dieser hohe Druck zwingt Gründer dazu, kontinuierlich von Finanzierungsrunde zu Finanzierungsrunde zu eilen und sich oft auf Neukunden-Features zu fokussieren, statt den Bestand ausreichend zu pflegen.
„Solange du noch fünf Millionen brauchst, bist du noch nicht profitabel.“ — Ludwig von Busse
Als das Produkt voll marktreif war, traf eine Serie exogener Schocks das Unternehmen und den gesamten Immobiliensektor mit voller Wucht. Die Kombination aus globalen Krisen veränderte das Verhalten von Investoren und Kunden fundamental und entzog der bisherigen Wachstumsplanung den Boden.
Corona-Verzögerungen: Der persönliche Vertrieb auf Branchen-Events brach komplett weg, während Kunden ihre Büros schlossen und operative Entscheidungen gänzlich vertagten.
Zinswende: Steigende Zinsen beendeten den transaktionsgetriebenen Immobilienboom der letzten 15 Jahre abrupt.
Investitionsstopps im Markt: Große Pleiten wie die Insolvenz der Signa-Gruppe erzeugten Schockwellen, die Bestandshalter zur extremen Liquiditätssicherung zwangen.
In Zeiten des billigen Geldes war Instandhaltung für viele Asset Manager zweitrangig, da Gewinne primär durch schnelle Wertsteigerungen und Verkäufe erzielt wurden.
„In einer Phase, wo ich über Transaktionen Geld mache, muss ich wirklich wenig in ein Gebäude investieren.“ — Ludwig von Busse
Nachdem eine entscheidende Finanzierungsrunde aufgrund der Marktlage platzte, war der Gang zum Insolvenzrichter unvermeidbar. Doch die Eröffnung des vorläufigen Verfahrens brachte auch eine unerwartete Entlastung und strukturelle Klarheit für das Management-Team.
Dank des deutschen Insolvenzrechts bot sich eine dreimonatige Atempause, in der die Bundesagentur für Arbeit die Gehälter übernahm und Raum für Restrukturierung schaffte. Der operative Betrieb wurde stabilisiert, und ein strukturierter M&A-Prozess ermöglichte die Suche nach neuen Trägern für das Technologieunternehmen.
Aus der Insolvenz von Simplifar ging schließlich die neue Elevonik GmbH hervor, die durch ein schnelles Bieterverfahren erfolgreich gerettet wurde. Ein Konsortium von Bestandsinvestoren kaufte den profitablen, operativen Kern des Geschäftsbetriebs aus der Insolvenzmasse heraus.
Trennung vom Ballast: Die forschungs- und kapitalintensive Entwicklung eigener physischer Sensoren wurde im Zuge des Reboots gestoppt.
Fokus auf den Kern: Elevonik konzentriert sich nun rein auf das profitable Softwaregeschäft und die bewährte Datenplattform Simplisoft.
Drastisches Downsizing: Das Team schrumpfte von ehemals über 80 Mitarbeitern auf nun 14 Experten, um eine schlanke und profitable Struktur zu garantieren.
Ludwig von Busses wichtigste Learnings betreffen sowohl das eigene Führungsmanagement als auch den generellen Mindset-Wandel in der eher konservativen Immobilienbranche. Nur durch ehrliche Fehleranalyse lassen sich zukünftige Krisen im harten Marktumfeld erfolgreich bewältigen.
Fokus auf Bestandskunden: PropTechs müssen lernen, sich intensiver um die Zufriedenheit und saubere Implementierung bei Bestandskunden zu kümmern, statt nur neuen Features hinterherzulaufen.
Strukturen etablieren: Frühzeitige Investitionen in erfahrene Fachkräfte bringen die nötige operative Gelassenheit und standardisierte Prozesse ins rasant wachsende Startup.
Standardisierung forcieren: Die Immobilienbranche muss administrative Abläufe endlich vereinheitlichen, anstatt jedes Gebäude fälschlicherweise als unantastbares Unikat zu behandeln.
Ludwig von Busse ist ein erfahrener Unternehmer und Co-Gründer von ehemals Simplifar, der heute als Geschäftsführer der nachfolgenden Elevonik GmbH tätig ist.
Simplifar digitalisierte Aufzüge mithilfe von nachrüstbaren Sensoren, die Vitalwerte und historische Daten auf einer Salesforce-basierten Plattform für Betreiber übersichtlich bündelten.
In Deutschland gibt es rund 800.000 Aufzüge, von denen etwa 450.000 älter als 30 Jahre sind und am Ende ihres Lebenszyklus stehen.
In Zeiten niedriger Zinsen und hoher Transaktionsvolumen stiegen Immobilienwerte von allein, was den Fokus von mühsamer Instandhaltung auf profitable An- und Verkäufe lenkte.
Das Unternehmen sammelte über zehn Jahre hinweg insgesamt rund 16 Millionen Euro an Risikokapital von bekannten VCs wie PropTechOne und BitStone ein.
Ein Zusammenspiel aus Corona-Verzögerungen, der Zinswende, geopolitischen Krisen und dem Zusammenbrechen des Transaktionsmarktes (wie die Benko-Insolvenz) ließ geplante Finanzierungsrunden platzen.
In der vorläufigen Phase übernimmt die Bundesagentur für Arbeit für maximal drei Monate die Gehälter der Mitarbeiter (Insolvenzgeld), was dem Unternehmen Liquidität für Sanierungsverhandlungen verschafft.
Ein spezialisierter M&A-Berater sprach innerhalb von drei Monaten 120 potenzielle Bieter an, woraus sich letztlich ein erfolgreiches Konsortium aus Bestandsinvestoren formierte.
Elevonik kaufte nur den operativ profitablen Kern von Simplifar heraus. Die forschungsintensive und verlustreiche Sensor-Hardwareentwicklung wurde im Zuge des Reboots eingestellt.
Er fokussierte sich zu stark auf ständige Produkt- und Feature-Innovationen für neue Finanzierungsrunden, während das Onboarding und die Pflege von Bestandskunden vernachlässigt wurden.
Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.