
Wie gelingt der Sprung in die Immobilien-Selbstständigkeit? Oliver Ritschel teilt seine Learnings über Kosten, Akquise und Teamaufbau.
Oliver Ritschels Karriereweg in der Immobilienbranche begann nicht im Hörsaal, sondern direkt auf der Baustelle. Nach seiner dreieinhalbjährigen Ausbildung zum Elektroinstallateur sammelte er praktische Erfahrungen im Bereich der Energie- und Gebäudetechnik. Diese handwerkliche Basis – das Stemmen von Schlitzen und Verlegen von Kabeln – prägt sein technisches Verständnis bis heute und verleiht ihm eine seltene Glaubwürdigkeit in der Zusammenarbeit mit Handwerkern und Planern.
Nach einem Jahr im klassischen Handwerk entschied er sich für die Weiterbildung zum staatlich geprüften Elektrotechniker. Da ihn theoretische Programmierungen weniger fesselten, zog es ihn schnell in die Immobilienwirtschaft. Seine erste Station war die Eismann Tiefkühl-Logistik, wo er als Facility Manager die technische Betreuung von rund 120 Liegenschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz übernahm.
Der nächste Karriereschritt führte Ritschel zu Alba Facility Solutions, wo er zunächst im Bereich der Wohnungswirtschaft und Leerwohnungssanierung tätig war. Der Wendepunkt in Richtung Gewerbeimmobilien kam unverhofft: Ein Auftrag zum Umbau von Arbeitsämtern und IT-Zentren weckte seine Leidenschaft für gewerbliche Großprojekte. Die Komplexität dieser Immobilien faszinierte ihn nachhaltig, sodass er sich fortan als bundesweiter Bauleiter für diese Sanierungen spezialisierte.
Um die Reisezeiten für seine junge Familie zu reduzieren, wechselte er später zum Bau- und Dienstleistungsriesen Goldbeck, wo er große Logistikhallen und gemischt genutzte Immobilien betreute. Später folgte der Schritt zu Jones Lang LaSalle (JLL) ins klassische Property und Asset Management. Dort betreute er im Team komplexe Büroimmobilien, bevor der Verkauf der Sparte an die MVGM den Stein für seine Selbstständigkeit ins Rollen brachte.
Im Jahr 2020 wagte Oliver Ritschel den mutigen Schritt und gründete sein eigenes Unternehmen. Ohne Abfindung und ohne staatliche Gründungszuschüsse kündigte er seine Anstellung. Der Name des neuen Start-ups entstand eher zufällig: Als Platzhalter auf einem leeren Konzeptpapier notierte er „buero Oliver“. Die persönliche Note gefiel ihm so gut, dass aus dem Provisorium der finale Firmenname wurde. Es war ihm wichtig, als Person nahbar und persönlich für seine Kunden einzustehen.
„Mein Produkt ist quasi Zeit. Wir nehmen uns für die Projekte Zeit, um Fragen zu beantworten und aktiv mitzudenken.“ — Oliver Ritschel
Die finanzielle Absicherung in der Startphase beruhte auf einem privaten Darlehen eines Freundes im höheren fünfstelligen Bereich. Trotz der Verantwortung gegenüber seiner Frau und seiner damals vierjährigen Tochter ging Ritschel das Risiko fokussiert an. Er verließ sich auf seine Fähigkeiten und das Vertrauen, dass seine Dienstleistung auf dem Markt dringend benötigt wird.
Das Geschäftsmodell von buero Oliver widmet sich dem technischen Asset- und Property Management. Im Gegensatz zu Großkonzernen, bei denen einzelne Verwalter oft Dutzende Mandate parallel betreuen müssen und kaum Kapazitäten für Sonderprojekte haben, positioniert sich Ritschel über die Ressource Zeit. Sein Fokus liegt auf der intensiven Betreuung und der qualitativen Abwicklung von komplexen Projekten wie beispielsweise Mieterausbauten.
Aller Anfang ist schwer – diese Erfahrung musste auch Ritschel machen. Obwohl ihm im Vorfeld von ehemaligen Kontakten aus der Branche Kooperationen in Aussicht gestellt worden waren, visualisierte sich im ersten Jahr kein einziges dieser Versprechen. Größere Institutionen wie Banken oder Versicherungen scheuten das Risiko, eine frisch gegründete GmbH ohne umfangreiche Referenzmappe direkt zu beauftragen.
Der Weg zum Erfolg führte daher über harte Kaltakquise und die Übernahme von Subunternehmer-Aufträgen. Initial wickelte das junge Unternehmen Kleinstaufträge im Wert von 500 bis 3.000 Euro ab, die schnell und in hoher Stückzahl bewältigt werden mussten. Durch diese kleinteiligen Projekte bewies buero Oliver Verlässlichkeit und erarbeitete sich Schritt für Schritt das Vertrauen des Marktes. Am Ende des ersten Jahres konnte das geplante Umsatzziel von 100.000 Euro erfolgreich realisiert werden.
Eine der wichtigsten unternehmerischen Lehren zog Oliver Ritschel aus einem Akquise-Loch im ersten Jahr. Nachdem die ersten Aufträge erfolgreich angelaufen waren, vernachlässigte er für einen einzigen Monat die aktive Neukundengewinnung. Die Quittung für diese kurze Pause folgte mit einer präzisen Verzögerung von exakt einem halben Jahr, als die laufenden Projekte endeten und plötzlich keine Anschlussaufträge bereitstanden.
„Es ist zeitlich messbar: Wenn du einen Monat keine Akquise machst, öffnet sich ein halbes Jahr später genau dieses Loch.“ — Oliver Ritschel
Diese Erfahrung prägte sein heutiges Verständnis für kontinuierlichen Vertrieb. Selbst in Phasen hoher Auslastung darf die Akquise niemals vollständig ruhen. Die Planung der Liquidität und des Projekt-Pipelines erfordert einen konstanten Weitblick, um schwankende Auslastungen abzufedern und die eigene Existenz sowie die der Angestellten langfristig abzusichern.
Um die mühsame Kaltakquise zu ergänzen, setzt Ritschel massiv auf persönliches Netzwerken. Seit einem Treffen mit Alexander Schmid im Jahr 2019 engagiert er sich aktiv in der Real Estate Lounge und leitet heute den Standort in Düsseldorf. Die dortigen Events haben sich als wertvolle Plattform etabliert, um ohne Abschlussdruck mit Juristen, Projektentwicklern und Bestandshaltern ins Gespräch zu kommen.
Heute besteht das Team von buero Oliver neben dem Gründer aus drei weiteren Mitarbeitern. Das Wachstum soll auch in Zukunft organisch fortgesetzt werden. Um die versprochene Servicequalität auch bei steigender Mitarbeiterzahl und größeren Mandaten konstant hochzuhalten, strebt das Unternehmen aktuell die Zertifizierung nach ISO 9001 an.
Oliver Ritschels Weg zeigt eindrucksvoll, dass ein solider handwerklicher Hintergrund gepaart mit Mut, hoher Dienstleistungsqualität und strategischem Netzwerken ein starkes Fundament für eine erfolgreiche Selbstständigkeit in der Immobilienwirtschaft bildet.
Oliver Ritschel ist der Gründer von „buero Oliver“, einem Beratungsunternehmen für technisches Asset- und Property Management im Gewerbeimmobilienbereich.
Er startete seine Karriere mit einer Ausbildung zum Elektroinstallateur und bildete sich später zum staatlich geprüften Elektrotechniker weiter.
Der zentrale USP ist „Zeit“: Das Unternehmen nimmt sich bewusst Kapazitäten für Sonderprojekte wie Mieterausbauten, für die klassischen Property Managern oft die Zeit fehlt.
Der Name war ursprünglich nur ein Platzhalter auf einem leeren Strategieblatt, wurde aber beibehalten, da er Nahbarkeit und die Person hinter dem Service betont.
Die Gründung wurde durch ein privates Darlehen eines Freundes im höheren fünfstelligen Bereich finanziert, ganz ohne staatliche Gründungszuschüsse.
Da anfängliche Kooperationszusagen ausblieben, musste sich Oliver Ritschel im ersten Jahr über intensive Kaltakquise und Netzwerkarbeit erste Kleinaufträge erarbeiten.
Eine Akquise-Pause macht sich meist zeitversetzt bemerkbar; Ausfälle bei der Neukundengewinnung führen oft erst ein halbes Jahr später zu spürbaren Auftrags- und Umsatzlöchern.
Das im Businessplan gesetzte Jahresziel von 100.000 Euro Umsatz wurde im ersten Jahr der Selbstständigkeit erfolgreich erreicht.
Ein lokales Immobilien-Netzwerkevent für das Knüpfen von Branchenkontakten, bei dem aktuelle Fachthemen wie Bestandsdigitalisierung in lockerer Atmosphäre diskutiert werden.
Das Unternehmen strebt aktuell die ISO-9001-Zertifizierung an, um Qualitätsstandards zu sichern, neue Mitarbeiter effizient einzuarbeiten und organisch zu wachsen.
Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.