
Wie betrifft die EU-Taxonomie Bauträger? Lars Krauß (Greengineers) erklärt Kosten, KfW-Förderungen und den Nutzen von DGNB & BNK.
Jedes Immobilienprojekt benötigt eine maßgeschneiderte Nachhaltigkeitsstrategie, die sich strikt an den Zielen von Nutzern, Investoren, Käufern und Verkäufern orientiert. Ohne die Definition dieser klaren Rahmenbedingungen droht die Gefahr, unrealistische Luftschlösser zu bauen, die am Ende an finanziellen Hürden scheitern. Nachhaltigkeit darf in der Immobilienwirtschaft kein reines Prestigeprojekt sein, sondern muss wirtschaftlich sinnvoll integriert werden.
Dabei ist ein pragmatischer Ansatz entscheidend für den realen Projekterfolg. Es geht nicht um ideologische Perfektion, sondern darum, machbare ökologische und ökonomische Faktoren in Einklang zu bringen. Ein tiefes Verständnis der Nutzerwünsche schützt vor Fehlinvestitionen. Nur wer die Marktbedürfnisse genau analysiert, kann die Balance zwischen anspruchsvoller Haustechnik und kostensparenden Low-Tech-Konzepten perfekt aussteuern.
„Mein Nachhaltigkeitsverständnis ist nicht, dass wir uns morgen alle auf die Straße kleben müssen. Wir müssen schauen, was die Rahmenbedingungen sind.“ — Lars Krauß
Die EU-Taxonomie fungiert als einheitliches Klassifizierungssystem der Europäischen Union, das festlegt, welche Wirtschaftstätigkeiten und Immobilienprojekte als ökologisch nachhaltig eingestuft werden dürfen. Große Unternehmen und Projektentwickler sind gesetzlich verpflichtet, diese Vorgaben einzuhalten und eine entsprechende Konformitätsprüfung durchzuführen. Da die Transaktionskosten in der Immobilienbranche extrem hoch sind, stellt ein Verstoß gegen diese Spielregeln ein unkalkulierbares wirtschaftliches Risiko dar.
Wer die EU-Taxonomie ignoriert, riskiert nicht nur empfindliche Strafen, sondern schließt sich mittelfristig auch von wichtigen Finanzierungsströmen und Investorenmärkten aus. Die Einhaltung ist daher keine freiwillige Option, sondern eine essenzielle Maßnahme des Risikomanagements für zukunftssichere Immobilien. Dies betrifft insbesondere das Risikomanagement im Zuge von Transaktionen. Käufer und Banken prüfen die Taxonomie-Konformität im Rahmen der Technical Due Diligence heute akribischer denn je.
In der deutschen Baupraxis ist die Motivation für Nachhaltigkeitszertifikate selten rein intrinsischer Natur. Die meisten Bauträger und Projektentwickler streben Zertifizierungen an, um von attraktiven KfW-Förderungen zu profitieren. Voraussetzung hierfür ist das staatliche Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude (QNG), das wiederum an gängige Zertifizierungssysteme gekoppelt ist.
Für Wohngebäude bietet sich hierbei ein oft übersehener finanzieller Vorteil durch alternative Zertifikate:
DGNB (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen): Etablierter Standard im deutschsprachigen Raum, der sowohl für Wohn- als auch für Gewerbeimmobilien genutzt wird.
BNK (Bewertungssystem Nachhaltiger Kleinwohnungsbau): Eine in München entwickelte, oft deutlich günstigere Alternative für Wohngebäude, mit der sich das QNG-Siegel bei geringeren Auditorenkosten erreichen lässt.
NAVO: Ein weiteres vom Bund anerkanntes Zertifizierungssystem zur Erreichung der Förderfähigkeit.
Finanziell macht es für die reine Förderhöhe keinen Unterschied, ob ein Projekt DGNB Silber oder Gold erreicht. Wichtig ist primär das Bestehen der Zertifizierung, um die maximalen KfW-Fördersätze freizuschalten.
Bei der Wahl des passenden Zertifikats müssen Projektentwickler den künftigen Nutzer und Investor im Blick behalten. Während das DGNB-Zertifikat im deutschsprachigen Raum die defensiv stärkste Marktposition besitzt, fordern ausländische Investoren oder internationale Großkonzerne oft andere Standards wie BREEAM oder LEED. Diese Systeme sind global bekannter und erleichtern den länderübergreifenden Handel mit Immobilien.
Für Entwickler in Deutschland ergibt sich daraus jedoch ein strategisches Dilemma. Da ausländische Zertifikate wie LEED oder BREEAM aktuell nicht für die deutsche KfW-Förderung zugelassen sind, müssen Entwickler im Zweifel über Doppelzertifizierungen nachdenken. Dies verdoppelt jedoch die Auditierungskosten, weshalb meist eine klare Entscheidung für ein System getroffen werden muss. Hierbei müssen Entwickler genau abwägen, ob der Imagegewinn durch ein internationales Label den Mehraufwand rechtfertigt. Oftmals zeigt sich im direkten Vergleich, dass nationale Fördermittel die entscheidende Renditeschraube darstellen. Für Bürogebäude gewinnt zudem die WELL-Zertifizierung an Bedeutung, da diese das gesundheitliche Wohlbefinden der Mitarbeiter in den Mittelpunkt stellt.
Ein weit verbreiteter Irrglaube in der Branche ist, dass die Verwendung von Holz als Baustoff automatisch die optimale ökologische Bilanz garantiert. Die Realität einer Lebenszyklusanalyse (LCA - Lifecycle Assessment) zeigt jedoch ein differenzierteres Bild. Nach aktuellen deutschen Berechnungsvorschriften für die Ökobilanzierung muss Holz am Ende des Lebenszyklus thermisch verwertet, also verbrannt werden. Dadurch wird das während des Wachstums gespeicherte CO2 rechnerisch wieder freigesetzt.
„Es ist scheißegal, ob ich mit Holzbau oder Beton baue. Es ist nicht ganz egal, aber für die meisten Zertifizierungen nicht so trivial.“ — Lars Krauß
Entscheidend ist daher die detaillierte Materialauswahl unabhängig von der generellen Bauweise:
Optimierung von konventionellen Stoffen: Auch ein Bauwerk aus Beton und Stahl kann durch den gezielten Einsatz von Produkten mit hervorragenden Umweltproduktdeklarationen (EPDs) hervorragende Nachhaltigkeitswerte erzielen.
Rolle der Auditoren: Nachhaltigkeitsberater dürfen nicht nur blind Kriterien abhaken, sondern müssen innovative Baustoffe mit geringem CO2-Fußabdruck kennen und proaktiv in die Planung einbringen.
Ganzheitliche Lebenszykluskosten: Ein zukunftssicheres Gebäude zeichnet sich durch Langlebigkeit, Rückbaufähigkeit und eine hohe Kreislauffähigkeit aller verbauten Materialien aus.
„Wenn der Bauherr sagt, er will Gold, er hat eine Beton-Stahlbauweise, dann muss der Auditor das mit den richtigen Stellschrauben hinbekommen.“ — Lars Krauß
Der Weg zu einem Nachhaltigkeitszertifikat birgt unerwartete bauliche Risiken, die das gesamte Projekt gefährden können. Ein besonders kritischer Stolperstein im DGNB-System ist die verbindliche Luftraumhygienemessung nach Abschluss der Bauphase. Werden hierbei Grenzwerte für Schadstoffe oder Lösungsmittel überschritten, gilt die Zertifizierung als nicht bestanden – unabhängig davon, wie viele Punkte in anderen Kategorien gesammelt wurden.
Unerwartete Schadstoffquellen auf der Baustelle können drastische Folgen haben:
Mangelnde Bauhygiene: Einfache Unachtsamkeiten wie das Rauchen von Bauarbeitern in den Innenräumen oder das achtlose Wegwerfen von Zigarettenkippen können die Messergebnisse massiv verschlechtern.
Intransparente Baustoffe: Das Vorhandensein von Öko-Siegeln wie dem Blauen Engel garantiert nicht zwingend die absolute Schadstofffreiheit von Klebern, Farben oder Lacken.
Fehlende Fachplanung: Der gezielte Einsatz von Baubiologen in der Bauüberwachung ist essenziell, um die Einhaltung der Schadstoffarmut lückenlos zu kontrollieren und die Messung sicher zu bestehen.
Lars Krauß blickt auf einen ungewöhnlichen Karriereweg zurück, der im klassischen Einzelhandel begann und über eine eigene Unternehmensgründung in der Kosmetikbranche schließlich in die energetische Bauberatung führte. Bereits 2015 entwickelte er eine erfolgreiche Antireibungscreme für Sportler namens "Zero Friction", die er bis heute in Handarbeit herstellt. Diese vertriebliche und unternehmerische Erfahrung half ihm, Marketing und Management im Studium praktisch anzuwenden und schließlich verstaubte Strukturen in der Bauwirtschaft aufzubrechen.
Die Gründung von Greengineers im Jahr 2019 entsprang der Erkenntnis, dass die Baubranche für fast 38 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich ist. Krauß wollte ein neutrales Ingenieurbüro schaffen, das nicht nur Zertifikate verkauft, sondern echte, wirtschaftliche Nachhaltigkeit ohne unnötige bürokratische Hürden plant. Trotz anfänglicher Hürden und der darauffolgenden Krise der Baubranche wuchs Greengineers kontinuierlich. Das Unternehmen beweist damit eindrucksvoll, dass grünes Denken und wirtschaftliches Handeln kein Widerspruch sind.
Um die Bau- und Immobilienwirtschaft grundlegend zu revolutionieren, setzt Greengineers stark auf Bildung und intensives Networking. Über den eigenen Podcast "38% - Städte neu denken" und korrespondierende Workshop-Events bringt das Unternehmen Architekten, Entwickler, Hersteller und Finanzierer an einen Tisch. Dieser transdisziplinäre Austausch ermöglicht das Teilen von Best Practices und ehrlichen Fehlern (Fuckups), um die gesamte Branche kollektiv nach vorne zu bringen.
Dieses Prinzip des offenen Wissensaustausches bildet auch die Basis für zukünftige Kooperationen und Community-Plattformen. Nachhaltigkeit im Bauwesen ist kein isoliertes Problem eines einzelnen Fachplaners, sondern gelingt nur durch die enge und ehrliche Zusammenarbeit aller Projektbeteiligten von der ersten Leistungsphase an. Ein lebendiges Netzwerk schadet schließlich nur dem, der keins hat. Durch das Aufbrechen klassischer Silos und die Etablierung neuer digitaler Austauschkanäle wird der Transformationsprozess der Bauwirtschaft nachhaltig beschleunigt.
Die EU-Taxonomie ist ein gesetzliches Regelwerk der Europäischen Union, das einheitliche Kriterien definiert, wann ein Immobilienprojekt als ökologisch nachhaltig und zukunftssicher gilt.
Unternehmen ab einer bestimmten Größe sowie Projektentwickler und Bauträger müssen sich an diesem Regelwerk orientieren, um Konformität nachzuweisen und rechtliche Risiken zu vermeiden.
Für die Erreichung der Bundesförderung über das staatliche QNG-Siegel sind in Deutschland primär die Zertifizierungen der DGNB, der BNK und des NAVO-Systems zugelassen.
Nein, für den Erhalt der höchstmöglichen KfW-Förderung ist die genaue Einstufung (Silber oder Gold) zweitrangig; entscheidend ist das Erreichen einer gängigen Zertifizierungsstufe, die das QNG-Siegel ermöglicht.
Das BNK-Zertifikat (Bewertungssystem Nachhaltiger Kleinwohnungsbau) wurde speziell für Wohngebäude entwickelt und bietet für Wohnprojekte im Vergleich zu DGNB oft den Vorteil deutlich geringerer Auditorenkosten.
Obwohl LEED und BREEAM weltweit hoch angesehen und bei ausländischen Investoren beliebt sind, qualifizieren sie sich in Deutschland derzeit nicht direkt für die staatliche KfW-Förderung.
Nein, da Holz nach deutscher Richtlinie am Lebensende thermisch verwertet (verbrannt) werden muss, entweicht das CO2 wieder. Betonbauten mit modernen EPDs können bilanziell eine ähnlich gute Bewertung erzielen.
Der Gebäude- oder Materialressourcenpass erweitert den klassischen Bauteilkatalog um detaillierte Informationen zur Kreislauffähigkeit und zum CO2-Fußabdruck der verbauten Materialien.
Die Luftraumhygienemessung nach Abschluss der Bauphase ist ein striktes Ausschlusskriterium. Schlechte Messergebnisse aufgrund unsauberen Arbeitens oder falscher Materialien können das gesamte Zertifikat verhindern.
Eine EPD (Environmental Product Declaration) ist eine Umweltproduktdeklaration, die den CO2-Fußabdruck eines Baumaterials unabhängig berechnet und ausweist, um fundierte Vergleiche in der Ökobilanzierung zu erlauben.
Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.