
Susanne Eickermann-Riepe (RICS) im Interview über ESG, die europäische Baukrise 2025 und warum sozialer Impact ein echter Business Case wird.
Alexander Schmid begrüßt Susanne Eickermann-Riepe in der Real Estate Lounge. Sie blickt auf eine beeindruckende Karriere als Senior-Partnerin bei PwC zurück, wo sie unter anderem 22 Partner koordinierte. Diese Erfahrungen in Führungspositionen ebneten ihr den Weg für internationale Aufgaben.
Kürzlich wurde sie zur Senior Vice President der RICS gewählt. Ihr erklärtes Ziel ist es, im Jahr 2028 als Präsidentin die weltweit größte Berufsorganisation für Immobilienfachleute mit über 140.000 Mitgliedern zu leiten. Ab Januar 2026 wird sie offiziell Mitglied des globalen Presidential Teams.
Neben ihrer RICS-Rolle engagiert sich Eickermann-Riepe im ICG-Institut, das vor über 20 Jahren zur Standardisierung von Compliance und Governance in der Immobilienwirtschaft gegründet wurde. Heute rücken Themen abseits des rein ökologischen Fokus zunehmend in den Vordergrund, insbesondere die soziale Komponente.
Das Institut hat in Kooperation mit der DGNB ein innovatives Zertifikat auf den Weg gebracht. Zur Förderung sozialer Projekte verleiht die Initiative am 27. November in Berlin einen renommierten Award für nachhaltige Quartiersentwicklungen.
Das Thema Nachhaltigkeit ist längst kein reines Image-Thema mehr, sondern beeinflusst die harten Fakten der Immobilienbewertung direkt. Gutachter müssen nach dem aktualisierten RICS Redbook ESG-Kriterien für jedes bewertete Objekt detailliert ausweisen.
Dies führt zu einer direkten Korrelation zwischen sozialer Quartiersqualität und dem finanziellen Marktwert. Investoren blicken heute präziser denn je auf diese Nachhaltigkeitsindikatoren.
Die Immobilienbranche ist mit einem Männeranteil von geschätzt 60 % bis 90 % in vielen Bereichen weiterhin stark männlich geprägt. Eickermann-Riepe rät Frauen zu mehr Mut bei Karriereschritten und fordert von Führungskräften eine aktive Talentförderung über strukturierte Teamlisten.
Für sie selbst war der Weg zur RICS-Spitze eine Frage klarer Konzepte, strategischer Kooperation und der Bereitschaft, Verantwortung für komplexe Aufgaben anzunehmen.
„Wenn einem was angeboten wird, was interessant klingt, erst mal Ja sagen.“ — Susanne Eickermann-Riepe
Trotz der aktuellen wirtschaftlichen Flaute schätzen internationale Investoren Europa zunehmend als sicheren Hafen ein. Der Grund liegt jedoch nicht in einer überragenden Konjunktur, sondern in den fortgeschrittenen Bestrebungen rund um die Gebäuderesilienz und Dekarbonisierung.
Dennoch mangelt es in Europa an digitaler Innovationskraft, Investitionen in Zukunftstechnologien und der nötigen politischen Agilität.
„Wir können uns überlegen, zum Museum zu werden und Eintritt zu nehmen. Oder wir stellen uns auf die Hinterbeine und schaffen es tatsächlich, unsere Industrien wieder anzukurbeln.“ — Susanne Eickermann-Riepe
Im Vergleich zu Ländern wie Kanada, wo nachbarschaftliche Initiativen und Begrünungskonzepte das Stadtbild pflegen, hinkt Europa im gesellschaftlichen Engagement oft hinterher.
Über der europäischen Immobilienwirtschaft schwebt ein enormes finanzielles Risiko in Form anstehender Kreditfälligkeiten. Bis Ende 2026 müssen Kredite im Volumen von schätzungsweise 150 Milliarden Euro refinanziert werden, was den Druck auf die Banken massiv erhöht.
Viele Finanzinstitute agieren aufgrund gestiegener regulatorischer Eigenkapitalanforderungen der EBA äußerst zurückhaltend.
In den klassischen europäischen Kernmärkten herrscht momentan Flaute, doch in einigen Randregionen zeigt sich eine überraschende Dynamik. Während B- und C-Lagen immens leiden, fließen internationale Gelder verstärkt in alternative Assetklassen.
Im deutschen Wohnungssektor vollzieht sich die Preisanpassung deutlich langsamer als beispielsweise in Großbritannien. Dies führt dazu, dass der deutsche Markt von Investoren weiterhin als überteuert wahrgenommen wird, was anstehende Transaktionen blockiert.
Zudem sorgt die europäische Regulierungsflut bei Unternehmen für organisatorische Überlastung und Rechtsunsicherheiten.
„Das Thema wird nicht verschwinden, nein. Jetzt bezahlen oder später.“ — Susanne Eickermann-Riepe
Susanne Eickermann-Riepe ist Chair des RICS European World Regional Board und wurde kürzlich zur Senior Vice President der RICS ernannt. Bis zum Jahr 2028 soll sie die Präsidentschaft dieser weltweiten Berufsorganisation übernehmen.
Die RICS (Royal Institution of Chartered Surveyors) ist der weltweit größte Berufsverband für Immobilienfachleute mit circa 140.000 Mitgliedern weltweit.
Das Institut befasst sich intensiv mit Governance, Compliance und den sozialen Kriterien von ESG in der Immobilienwirtschaft, um nachhaltige Standards und Wertekodizes zu etablieren.
Es ist ein gemeinsam mit der DGNB entwickeltes Zertifikat, das die gesellschaftliche und soziale Bedeutung von Immobilien und deren Integration in städtische Quartiere messbar macht.
Seit dem 1. Januar müssen lizenzierte RICS-Gutachter verpflichtend Auskunft über die ESG-Kriterien eines Objekts geben, was direkten Einfluss auf die Wertermittlung hat.
Weniger wegen des wirtschaftlichen Wachstums, sondern weil Europa globale Standards bei der Entwicklung nachhaltiger, resilienter und ESG-konformer Gebäude setzt.
Bis Ende 2026 müssen in Europa schätzungsweise 100 bis 150 Milliarden Euro an auslaufenden Immobilienkrediten refinanziert werden.
Spanien und Italien erleben derzeit einen wirtschaftlichen Boom. Zudem verlagern sich Logistik- und Industrie-Investitionen verstärkt in die CEE-Märkte (Mittel- und Osteuropa).
Nein, im internationalen Vergleich gilt der deutsche Markt, insbesondere im Wohnbereich (Residential), immer noch als zu teuer, da Preiskorrekturen nur sehr zögerlich vorgenommen werden.
Wer notwendige energetische Sanierungen und ESG-Anpassungen jetzt aufschiebt, muss laut Susanne Eickermann-Riepe mit massiven Wertabschlägen beim künftigen Verkauf der Immobilie rechnen.
Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.