
Wie gelingt Ethik in der Immobilienbranche? Bruder Paulus Terwitte spricht über Werte, Nachfolge und Verantwortung. Hier die Podcast-Folge anhören!
Bruder Paulus Terwitte wuchs im katholischen Münsterland der 1960er und 70er Jahre auf. Sein Vater hatte nach dem Krieg ein florierendes Einzelhandelsgeschäft sowie eine Gärtnerei aufgebaut und wünschte sich den Sohn sehnlichst als Nachfolger für den Familienbetrieb.
Dieser Lebensentwurf stieß jedoch auf radikalen Widerstand beim jungen Paulus, der sich nicht zwischen Kohlrabi und Tomaten sah. Der Wunsch nach dem Abitur entfachte eine tiefe familiäre Krise, die beispielhaft für viele heutige Nachfolgediskussionen in inhabergeführten Unternehmen steht.
Ein prägendes Wochenende an der Landvolkshochschule Freckenhorst veränderte die Weltsicht des späteren Priesters nachhaltig. Dort begriff er das Konzept der Taufe nicht als bloßen Beitritt zu einer kirchlichen Institution, sondern als radikalen Befreiungsschlag von biografischen und biologischen Zwängen.
In der Gemeinschaft der Kapuziner fand er schließlich Männer, die radikale Brüderlichkeit und das Evangelium unkonventionell lebten. Nach einem rein zufälligen Kennenlernen im Zuge eines Losverfahrens entschied er sich spontan für den Eintritt in diesen Bettelorden.
„Ich wusste, das sind einfach Männer, die sich diesem Evangelium verschrieben haben und dieser Botschaft, dass alle Menschen eigentlich Schwestern und Brüder sind.“ — Bruder Paulus
Das Leben im Orden brachte neben tiefer Begeisterung auch harte zwischenmenschliche Konflikte mit sich. In engen Gemeinschaften, die man sich nicht selbst aussucht, gehören Durststrecken und fundamentale Zweifel ganz natürlich zur persönlichen Entwicklung dazu.
Für Bruder Paulus ist das bewusste Aushalten von Krisen ein wesentlicher Reifungsprozess. Er vergleicht diese Phasen mit dem Karsamstag, dem Tag des absoluten Schweigens und Wartens vor der eigentlichen Auferstehung.
Auf den ersten Blick wirken die Immobilienbranche und das Priestertum wie zwei völlig unvereinbare Welten. Doch Bruder Paulus blickt hinter die herrschenden Fassaden von Prestige, Luxuskarossen und Statussymbolen und definiert die Rolle der Akteure grundlegend neu.
Weil Immobilien das soziale Zusammenleben der Menschen direkt formen und beeinflussen, sind Projektentwickler und Planer in Wahrheit Sozialarbeiter. Wer diese Perspektive einnimmt, begreift den wahren Wert seines täglichen Schaffens jenseits reiner Profitmaximierung.
Ein zentraler Kritikpunkt von Bruder Paulus betrifft den blinden Glauben an immer größere Unternehmenseinheiten. Sowohl in der Kirche als auch in der Wirtschaft führe die ständige Fusionierung zu unpersönlichen Riesenstrukturen.
Die katholische Soziallehre setzt hier das bewährte Prinzip der Subsidiarität dagegen, das kleine, selbstbestimmte Einheiten bevorzugt. In überschaubaren Teams von rund 30 Mitarbeitern greife die soziale Kontrolle noch auf natürliche und angstfreie Weise.
„Wir können miteinander einfach sagen, die Plus und Minus, und müssen dem anderen gar nichts vormachen.“ — Bruder Paulus
Gute Architektur und Stadtplanung müssen die vielfältigen sozialen Phasen und Nöte des menschlichen Lebens abbilden. Bruder Paulus fordert von der modernen Quartiersentwicklung daher flexible, multifunktionale Mischkonzepte statt monofunktionaler Hochhäuser.
In großen Projekten sollten soziale Infrastrukturen wie Kitas, Pflegestationen und Begegnungsräume von Anfang an integriert werden. Die Trennung von Arbeiten, Wohnen und Pflege in isolierte Stadtteile schadet dem gesunden Zusammenleben.
Um das Vertrauen und den kollegialen Umgang innerhalb der Branche zu stärken, schlägt Bruder Paulus ein konkretes Projekt vor. Für das IRECC-Netzwerk und die "Real Estate Lounge" soll eine gemeinsame Ethikkommission mit externen Experten aufgebaut werden.
Dieses Gremium soll ein klares ethisches Leitbild entwickeln, das den Akteuren als moralischer Kompass dient. Durch regelmäßige Diskussionsrunden und Übungsworkshops soll dieses Papier im täglichen Handeln lebendig gehalten werden.
Zuletzt appelliert der Kapuzinerpriester an die Entscheider der Branche, das Nachhaltigkeitsthema ESG nicht als bürokratisches Monster zu begreifen. Er bittet sie, die Chancen der Kreislaufwirtschaft zu nutzen und Materialien von vornherein recycelbar zu planen.
Darüber hinaus gibt er den Akteuren einen ganz persönlichen Rat für das eigene Seelenheil mit auf den Weg.
„Eigentlich ist alles nur gemacht worden, damit ich das Original werde, das Gott sich gedacht hat. Ich bin ein Original und keine Kopie.“ — Bruder Paulus
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Bruder Paulus Terwitte ist ein unkonventioneller Kapuzinerpriester, Buchautor und Redner. Er ist bekannt aus Talkshows wie 'Anne Will' und 'Hart aber fair' sowie für seine Medienpräsenz, wie etwa durch tägliche Kolumnen in der Bild-Zeitung.
Sein Vater baute nach dem Krieg ein Einzelhandelsgeschäft und eine Gärtnerei auf, doch Bruder Paulus verspürte keine Leidenschaft für das Anbauen und Handeln. Er suchte stattdessen die Freiheit im Abitur und fand später seine Berufung im geistlichen Amt.
Der Begriff beschreibt das Festhalten an einmal in Freiheit getroffenen Lebensentwürfen und Versprechen. Auch in schwierigen Lebensphasen und Durststrecken ermöglicht diese Treue ein Wachstum in die Tiefe.
Da Gebäude und Quartiere das menschliche Miteinander, Wohnen und Arbeiten direkt prägen, tragen Projektentwickler eine immense soziale Verantwortung. Sie gestalten aktiv das soziale Gefüge der Gesellschaft mit.
Er kritisiert, dass durch ständige Fusionen anonyme Großstrukturen entstehen, in denen echte soziale Kontrolle und ehrliche Kommunikation verloren gehen. Kleinere, dezentrale Teams hingegen fördern direkte Verantwortung.
Dieses Prinzip besagt, dass Aufgaben immer von der kleinsten arbeitsfähigen Einheit gelöst werden sollten. Erst wenn diese an ihre Grenzen stößt, greifen übergeordnete Instanzen unterstützend ein.
Sie vermeidet sterile Betonwüsten und setzt auf gemischte Nutzungskonzepte, bei denen Kitas, Grünanlagen, Pflegestationen und soziale Begegnungsstätten von vornherein integriert sind.
Damit praxisnahe Experten ihren Sachverstand direkt in die Gesetzgebung in Berlin oder in den Kommunen einbringen können, anstatt sich nur im Nachhinein über unpraktische Gesetze zu beschweren.
Er empfiehlt, ESG und Nachhaltigkeit nicht als lästigen Dämon, sondern als echten Wert zu begreifen, der durch langlebige Materialien und kreislauffähige Bauweisen der gesamten Schöpfung dient.
Er empfiehlt, jeden Monat mindestens einen guten Roman zu lesen, um die Perspektive zu wechseln, und täglich mindestens 10.000 Schritte für die physische wie psychische Balance zu gehen.
Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.