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    Real Estate Lounge · 4. Mai 2024

    Ethik in der Immobilienbranche – Bruder Paulus

    4. Mai 2024 49 Min. 5 Min. Lesezeit
    Ethik in der Immobilienbranche. Die "Beichte" mit Kapuziner Priester Bruder Paulus

    Kapitel

    Das Wichtigste in Kürze

    • Die Immobilienbranche trägt als Gestalterin des sozialen Raums eine fundamentale gesellschaftliche Verantwortung, die weit über reine Renditeziele hinausgeht.
    • Größere Anonymität in Großkonzernen fördert bürokratische Ausflüchte, während kleinere dezentrale Einheiten die persönliche und ehrliche Kommunikation stärken.
    • Zukunftsfähige Immobilienprojekte weichen von monofunktionalen Konzepten ab und integrieren gezielt soziale Infrastrukturen wie Kitas und Pflegestationen.
    • Ein branchenweites, gelebtes Leitbild sichert die kaufmännische Aufrichtigkeit und schützt Partner in Verhandlungen vor gegenseitiger Übervorteilung.
    • Echte Nachhaltigkeit im Sinne der ESG-Kriterien erfordert die Etablierung einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft und den Mut zum zeitweisen Verzicht.
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    Wie gelingt Ethik in der Immobilienbranche? Bruder Paulus Terwitte spricht über Werte, Nachfolge und Verantwortung. Hier die Podcast-Folge anhören!

    Vom rebellischen Sohn zum Kapuzinerpriester

    Bruder Paulus Terwitte wuchs im katholischen Münsterland der 1960er und 70er Jahre auf. Sein Vater hatte nach dem Krieg ein florierendes Einzelhandelsgeschäft sowie eine Gärtnerei aufgebaut und wünschte sich den Sohn sehnlichst als Nachfolger für den Familienbetrieb.

    Dieser Lebensentwurf stieß jedoch auf radikalen Widerstand beim jungen Paulus, der sich nicht zwischen Kohlrabi und Tomaten sah. Der Wunsch nach dem Abitur entfachte eine tiefe familiäre Krise, die beispielhaft für viele heutige Nachfolgediskussionen in inhabergeführten Unternehmen steht.

    • Generationskonflikte: Nachfolgefragen in inhabergeführten Unternehmen sind emotional hochgradig belastet.
    • Freiräume: Junge Menschen benötigen die Freiheit zur Selbstentfaltung, auch wenn dies den Erwartungen der Eltern widerspricht.
    • Schmerzakzeptanz: Der Trennungsschmerz der Elterngeneration über geplatzte Nachfolgeträume muss offen ausgesprochen und nicht ignoriert werden.

    Die Befreiung durch die Taufe und das Leben im Orden

    Ein prägendes Wochenende an der Landvolkshochschule Freckenhorst veränderte die Weltsicht des späteren Priesters nachhaltig. Dort begriff er das Konzept der Taufe nicht als bloßen Beitritt zu einer kirchlichen Institution, sondern als radikalen Befreiungsschlag von biografischen und biologischen Zwängen.

    In der Gemeinschaft der Kapuziner fand er schließlich Männer, die radikale Brüderlichkeit und das Evangelium unkonventionell lebten. Nach einem rein zufälligen Kennenlernen im Zuge eines Losverfahrens entschied er sich spontan für den Eintritt in diesen Bettelorden.

    „Ich wusste, das sind einfach Männer, die sich diesem Evangelium verschrieben haben und dieser Botschaft, dass alle Menschen eigentlich Schwestern und Brüder sind.“ — Bruder Paulus

    • Das Original werden: Jeder Mensch ist als göttliches Original geschaffen und soll nicht als Kopie sterben.
    • Befreiung von Zwängen: Die spirituelle Dimension nimmt den Druck, einer vorbestimmten Biografie blind folgen zu müssen.
    • Philosophischer Tiefgang: Die fünfjährige Priesterausbildung umfasste neben der Theologie auch intensive Studien der Philosophie von Sokrates bis Sartre sowie Gestalttherapie.

    Prüfungen, Schweigen und der Sinn von Ostern

    Das Leben im Orden brachte neben tiefer Begeisterung auch harte zwischenmenschliche Konflikte mit sich. In engen Gemeinschaften, die man sich nicht selbst aussucht, gehören Durststrecken und fundamentale Zweifel ganz natürlich zur persönlichen Entwicklung dazu.

    Für Bruder Paulus ist das bewusste Aushalten von Krisen ein wesentlicher Reifungsprozess. Er vergleicht diese Phasen mit dem Karsamstag, dem Tag des absoluten Schweigens und Wartens vor der eigentlichen Auferstehung.

    • Schöpferische Treue: Das Festhalten an freien Entscheidungen führt Menschen tiefer in ihr eigenes Potenzial.
    • Kraft des Schweigens: Im geschäftlichen und privaten Alltag wird oft zu viel geredet, um innere Unsicherheiten zu überdecken.
    • Das Prinzip Ostern: Nach jeder schmerzhaften Krise besteht die berechtigte Hoffnung auf eine persönliche oder geschäftliche Auferstehung.

    Die Immobilienbranche im Spiegel der Sozialarbeit

    Auf den ersten Blick wirken die Immobilienbranche und das Priestertum wie zwei völlig unvereinbare Welten. Doch Bruder Paulus blickt hinter die herrschenden Fassaden von Prestige, Luxuskarossen und Statussymbolen und definiert die Rolle der Akteure grundlegend neu.

    Weil Immobilien das soziale Zusammenleben der Menschen direkt formen und beeinflussen, sind Projektentwickler und Planer in Wahrheit Sozialarbeiter. Wer diese Perspektive einnimmt, begreift den wahren Wert seines täglichen Schaffens jenseits reiner Profitmaximierung.

    • Soziale Prägung: Jedes Gebäude bestimmt maßgeblich, wie Menschen interagieren, wohnen und arbeiten.
    • Abkehr vom reinen Profit: Der ausschließliche Fokus auf Renditen führt oft zu fantasielosen und nutzlosen Bauten.
    • Verantwortung des Planers: Entwickler müssen sich fragen, welche sozialen Wunden ihre Projekte im urbanen Raum schlagen oder heilen.

    Subsidiarität contra Großstrukturen in Unternehmen

    Ein zentraler Kritikpunkt von Bruder Paulus betrifft den blinden Glauben an immer größere Unternehmenseinheiten. Sowohl in der Kirche als auch in der Wirtschaft führe die ständige Fusionierung zu unpersönlichen Riesenstrukturen.

    Die katholische Soziallehre setzt hier das bewährte Prinzip der Subsidiarität dagegen, das kleine, selbstbestimmte Einheiten bevorzugt. In überschaubaren Teams von rund 30 Mitarbeitern greife die soziale Kontrolle noch auf natürliche und angstfreie Weise.

    „Wir können miteinander einfach sagen, die Plus und Minus, und müssen dem anderen gar nichts vormachen.“ — Bruder Paulus

    • Grenzen der Kontrolle: In Konzernen mit Tausenden Angestellten maskieren bürokratische Vorschriften das Fehlen echter sozialer Nähe.
    • Ehrliche Kommunikation: Kleine Einheiten fördern den direkten Austausch und machen das Vortäuschen falscher Tatsachen überflüssig.
    • Der nackte Kaiser: Es braucht den Mut von Mitarbeitern, Missstände und unvollkommene Erfolge offen anzusprechen.

    Ganzheitliche Quartiere statt eintöniger Betonwüsten

    Gute Architektur und Stadtplanung müssen die vielfältigen sozialen Phasen und Nöte des menschlichen Lebens abbilden. Bruder Paulus fordert von der modernen Quartiersentwicklung daher flexible, multifunktionale Mischkonzepte statt monofunktionaler Hochhäuser.

    In großen Projekten sollten soziale Infrastrukturen wie Kitas, Pflegestationen und Begegnungsräume von Anfang an integriert werden. Die Trennung von Arbeiten, Wohnen und Pflege in isolierte Stadtteile schadet dem gesunden Zusammenleben.

    • Infrastruktur integrieren: Große Bürokomplexe sollten Räume für Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen vorsehen.
    • Ganzheitlichkeit zahlt sich aus: Höhere Anfangsinvestitionen in Natur und Gemeinschaftsflächen senken langfristig die Kriminalität und Krankheitsquoten.
    • Gemeinwohlökonomie: Die Integration sozialer Faktoren in die Bilanzierung von Projekten ist ein unverzichtbarer Zukunftsschritt.

    Ein ethisches Leitbild für die Real Estate Branche

    Um das Vertrauen und den kollegialen Umgang innerhalb der Branche zu stärken, schlägt Bruder Paulus ein konkretes Projekt vor. Für das IRECC-Netzwerk und die "Real Estate Lounge" soll eine gemeinsame Ethikkommission mit externen Experten aufgebaut werden.

    Dieses Gremium soll ein klares ethisches Leitbild entwickeln, das den Akteuren als moralischer Kompass dient. Durch regelmäßige Diskussionsrunden und Übungsworkshops soll dieses Papier im täglichen Handeln lebendig gehalten werden.

    • Blick über den Tellerrand: Die Ethikkommission sollte durch branchenfremde Personen wie Künstler, Mediziner oder Seelsorger bereichert werden.
    • Kaufmännische Aufrichtigkeit: Definitionen für faires Verhandeln und den Schutz vor gegenseitiger Übervorteilung müssen schriftlich fixiert werden.
    • Offene Fehlerkultur: Konflikte und moralische Fehlbeurteilungen dürfen nicht verschwiegen, sondern müssen konstruktiv gelöst werden.

    Bruder Paulus' Rat an die Immobilien-Zukunft

    Zuletzt appelliert der Kapuzinerpriester an die Entscheider der Branche, das Nachhaltigkeitsthema ESG nicht als bürokratisches Monster zu begreifen. Er bittet sie, die Chancen der Kreislaufwirtschaft zu nutzen und Materialien von vornherein recycelbar zu planen.

    Darüber hinaus gibt er den Akteuren einen ganz persönlichen Rat für das eigene Seelenheil mit auf den Weg.

    „Eigentlich ist alles nur gemacht worden, damit ich das Original werde, das Gott sich gedacht hat. Ich bin ein Original und keine Kopie.“ — Bruder Paulus

    • ESG als Chance: Nachhaltiges Handeln schützt das Gemeinwohl und sichert den langfristigen Wert der Immobilien.
    • Politisches Engagement: Erfolgreiche Branchenvertreter sollten zeitweise politische Mandate übernehmen, um praxisnahe Gesetze mitzugestalten.
    • Persönliche Balance: Regelmäßig Romane zu lesen und täglich 10.000 Schritte zu gehen, sorgt für den nötigen mentalen Abstand zum hektischen Arbeitsalltag.

    Passend dazu: Instagram-Erfolg: Mit einem Video zu 50.000 Followern · Immobilienhandel: Warum Kaufen & Halten oft besser ist

    Häufige Fragen

    Wer ist Bruder Paulus Terwitte?

    Bruder Paulus Terwitte ist ein unkonventioneller Kapuzinerpriester, Buchautor und Redner. Er ist bekannt aus Talkshows wie 'Anne Will' und 'Hart aber fair' sowie für seine Medienpräsenz, wie etwa durch tägliche Kolumnen in der Bild-Zeitung.

    Warum entschied sich Bruder Paulus gegen das Geschäft seines Vaters?

    Sein Vater baute nach dem Krieg ein Einzelhandelsgeschäft und eine Gärtnerei auf, doch Bruder Paulus verspürte keine Leidenschaft für das Anbauen und Handeln. Er suchte stattdessen die Freiheit im Abitur und fand später seine Berufung im geistlichen Amt.

    Was bedeutet 'schöpferische Treue' für Bruder Paulus?

    Der Begriff beschreibt das Festhalten an einmal in Freiheit getroffenen Lebensentwürfen und Versprechen. Auch in schwierigen Lebensphasen und Durststrecken ermöglicht diese Treue ein Wachstum in die Tiefe.

    Warum bezeichnet Bruder Paulus Immobilienentwickler als 'Sozialarbeiter'?

    Da Gebäude und Quartiere das menschliche Miteinander, Wohnen und Arbeiten direkt prägen, tragen Projektentwickler eine immense soziale Verantwortung. Sie gestalten aktiv das soziale Gefüge der Gesellschaft mit.

    Was kritisiert Bruder Paulus an Großkonzernen?

    Er kritisiert, dass durch ständige Fusionen anonyme Großstrukturen entstehen, in denen echte soziale Kontrolle und ehrliche Kommunikation verloren gehen. Kleinere, dezentrale Teams hingegen fördern direkte Verantwortung.

    Was ist das Subsidiaritätsprinzip der katholischen Soziallehre?

    Dieses Prinzip besagt, dass Aufgaben immer von der kleinsten arbeitsfähigen Einheit gelöst werden sollten. Erst wenn diese an ihre Grenzen stößt, greifen übergeordnete Instanzen unterstützend ein.

    Wie sieht eine ethisch nachhaltige Quartiersentwicklung aus?

    Sie vermeidet sterile Betonwüsten und setzt auf gemischte Nutzungskonzepte, bei denen Kitas, Grünanlagen, Pflegestationen und soziale Begegnungsstätten von vornherein integriert sind.

    Warum fordert Bruder Paulus Immobilienakteure auf, in die Politik zu gehen?

    Damit praxisnahe Experten ihren Sachverstand direkt in die Gesetzgebung in Berlin oder in den Kommunen einbringen können, anstatt sich nur im Nachhinein über unpraktische Gesetze zu beschweren.

    Welche Haltung empfiehlt Bruder Paulus bezüglich der ESG-Kriterien?

    Er empfiehlt, ESG und Nachhaltigkeit nicht als lästigen Dämon, sondern als echten Wert zu begreifen, der durch langlebige Materialien und kreislauffähige Bauweisen der gesamten Schöpfung dient.

    Welche persönliche Empfehlung gibt Bruder Paulus für ein ausgeglichenes Leben?

    Er empfiehlt, jeden Monat mindestens einen guten Roman zu lesen, um die Perspektive zu wechseln, und täglich mindestens 10.000 Schritte für die physische wie psychische Balance zu gehen.

    Transkript

    Das Transkript für diese Folge wird derzeit vorbereitet.